Thomas Zander © Zander Galerie, Cologne/Paris

Wir sprachen mit Thomas Zander

Wie kamen Sie zur Kunst und zur Fotografie?

Thomas Zander: Mit Kunst bin ich eigentlich von klein auf aufgewachsen. Mein Vater arbeitete für einen Verlag und brachte regelmäßig Kunstbücher mit nach Hause, außerdem gab es viele Künstler:innen und kreative Menschen im direkten Umfeld meiner Eltern. Kunst war deshalb nie etwas Fremdes, sondern Teil des Alltags.

Schon als Jugendlicher habe ich viel Zeit in Museen verbracht, sehr früh erste Werke gekauft und bereits mit 18 in einer Galerie gearbeitet. Besonders geprägt hat mich ein Professor, der mich weniger nach kunsthistorischen Fakten fragte, sondern danach, wie ich eine Ausstellung oder eine Hängung wahrnehme. Das hat meinen Blick auf Kunst nachhaltig beeinflusst.

Zur Fotografie kam ich Mitte der 1990er-Jahre, als ich meine Galerie eröffnete. 1998 zeigte ich meine erste Fotoausstellung, unter anderem mit Tom Wood. Für mich war schnell klar, dass Fotografie das Medium meiner Generation ist – direkt, zeitgenössisch und zugleich kunsthistorisch enorm relevant. Seitdem hat sich dieser Bereich kontinuierlich entwickelt und ist heute ein zentraler Schwerpunkt meiner Arbeit.

Sie haben Betriebswirtschaft statt Kunstgeschichte studiert. War das eine gute Grundlage für den Kunstmarkt? Wie haben Sie Ihr Auge entwickelt?

Thomas Zander: Rückblickend war das eine sehr gute Entscheidung. Der Kunstmarkt verbindet Leidenschaft und wirtschaftliches Denken – beides muss zusammenkommen. Natürlich habe ich mich parallel immer intensiv mit Kunstgeschichte beschäftigt, aber das Gespür für Kunst entwickelt man letztlich durch Erfahrung: durch Ausstellungen, Gespräche mit Künstler:innen, Sammler:innen und Kurator:innen, durch Reisen, Museen und den täglichen Umgang mit Kunstwerken.

Mein Blick wurde stark durch die Nähe zu Künstler:innen geprägt. Viele Gespräche im privaten Umfeld meiner Eltern, später die direkte Zusammenarbeit mit Künstlern und Nachlässen, haben mein Verständnis geschärft. Wichtig war mir immer, nicht nur Werke zu handeln, sondern langfristige Beziehungen aufzubauen und Programme mit Substanz zu entwickeln.


Thomas Zander © Zander Galerie, Cologne/Paris

Was fasziniert Sie an der Fotografie der New-Topographics-Bewegung?

Thomas Zander: Mich fasziniert an der New-Topographics-Bewegung vor allem die Klarheit und Konsequenz des Blicks. Künstler wie Lewis Baltz, Robert Adams oder Nicholas Nixon haben Fotografie von jeder Romantisierung befreit und eine völlig neue Sicht auf Landschaft, Architektur und Gesellschaft entwickelt.

Gleichzeitig ist die Qualität der Abzüge außergewöhnlich hoch. Diese Künstler verbanden konzeptuelle Präzision mit fotografischer Meisterschaft. Genau dieser Ansatz hat mich immer interessiert: Fotografie, die nicht dekorativ ist, sondern eine Haltung transportiert. Unser Programm hat sich über viele Jahre organisch entwickelt. Künstler wie Robert Frank kamen später hinzu, teilweise durch direkte Zusammenarbeit mit Archiven und Nachlässen. Das war mir immer besonders wichtig – möglichst nah an den Künstler:innen und ihren Werken zu arbeiten und weniger über den klassischen Secondary Market.

Haben Museumsausstellungen und Publikationen Einfluss auf den Markt und die Nachfrage nach Fotografie?

Thomas Zander: Absolut. Große Museumsausstellungen, wissenschaftliche Publikationen und institutionelle Präsenz sind essenziell für die Wahrnehmung eines Künstlers. Sie schaffen kunsthistorischen Kontext und langfristige Relevanz. Gerade in der Fotografie sind Museen und Publikationen oft entscheidend dafür, wie nachhaltig ein Werk wahrgenommen wird. Der Markt allein funktioniert nicht isoliert – Qualität, Forschung, Ausstellungsgeschichte und institutionelle Anerkennung gehören unmittelbar zusammen.

Woher kommt die neue Aufmerksamkeit für Fotografie?

Thomas Zander: Ich glaube, dass Fotografie in den letzten Jahren auf vielen großen Kunstmessen etwas vernachlässigt wurde, auch aus wirtschaftlichen Gründen. Zeitgenössische Malerei erzielt oft deutlich höhere Preise, während die Messekosten gleichzeitig enorm gestiegen sind. Viele Galerien überlegen deshalb sehr genau, welche Medien sie präsentieren. Langfristig bin ich aber überzeugt, dass bedeutende Fotografie wieder stärker in den Fokus rücken wird. Gerade museale und kunsthistorisch relevante Positionen gewinnen zunehmend an Bedeutung. Gute Fotografie besitzt eine enorme kulturelle Tiefe und Aktualität.

Was macht für Sie eine gute Fotografie aus? Nach welchen Kriterien wählen Sie Arbeiten aus?

Thomas Zander: Das ist eine sehr komplexe Frage. Entscheidend ist für mich zunächst die inhaltliche Stärke eines Werkes – also ob ein Bild über das rein Visuelle hinausgeht und eine eigene Haltung oder Sichtweise transportiert. Bei konzeptueller oder erweiterter Fotografie spielt außerdem der Kontext eine große Rolle. Gleichzeitig bleibt der Abzug selbst essenziell: Qualität, Materialität, Tonalität und Präzision sind für mich zentrale Kriterien. Eine gute Fotografie muss sowohl formal als auch inhaltlich überzeugen und idealerweise über viele Jahre hinweg relevant bleiben.

Wie war es, mit Robert Frank und seinem Archiv zu arbeiten?

Thomas Zander: Mit einem Künstler wie Robert Frank zu arbeiten, ist natürlich eine außergewöhnliche Aufgabe. Robert Frank gehört zu den prägendsten Fotografen des 20. Jahrhunderts, und seine Arbeiten besitzen eine enorme kunsthistorische Bedeutung. Die Zusammenarbeit mit Archiven und Nachlässen erfordert viel Vertrauen, Verantwortung und langfristiges Denken. Solche Werke lassen sich oft nicht klassisch „verkaufen“, sondern müssen sehr gezielt und meist im institutionellen oder musealen Kontext positioniert werden.

Gerade das macht die Arbeit aber auch spannend und erfüllend.

Wie ging die Geschichte rund um die Robert-Frank-Arbeiten weiter?

Thomas Zander: Wir haben die Arbeiten zunächst auf der Art Basel Unlimited präsentiert und später auch in Köln gezeigt. Schließlich konnten sie – so wie wir es uns erhofft hatten – in eine bedeutende Schweizer Sammlung vermittelt werden. Darauf sind wir sehr stolz, weil genau solche Platzierungen zeigen, wie wichtig langfristige und sorgfältige Arbeit im Kunstmarkt ist.


Thomas Zander © Zander Galerie, Cologne/Paris

Gibt es Unterschiede zwischen Art Basel, Paris Photo oder Photo London?

Thomas Zander: Ja, definitiv. Paris Photo ist die wichtigste Messe speziell für Fotografie – dort trifft man besonders viele Spezialist:innen, Kurator:innen und Sammler:innen mit einem sehr tiefen Interesse an dem Medium. Art Basel und Art Basel Paris hingegen haben ein breiteres internationales Kunstpublikum. Dort begegnet man vielen Sammler:innen zeitgenössischer Kunst, die aber zunehmend auch großes Interesse an Fotografie entwickeln. Jede Messe hat also ihre eigene Dynamik und ihr eigenes Publikum.

Was ist Ihre Aufgabe im Selection Committee der Art Basel?

Thomas Zander: Im Selection Committee beschäftige ich mich insbesondere mit dem Bereich klassische und historische Fotografie. Dazu gehört die Bewertung von Bewerbungen, die Analyse fotografischer Positionen und die Frage, welche Arbeiten kunsthistorisch relevant sind und in einen größeren Kontext passen. Auch Vorschläge für Art Unlimited oder besondere Präsentationen werden diskutiert und bewertet. Es geht letztlich darum, die Qualität und Relevanz der Fotografie innerhalb der Messe mitzugestalten.

Was zeigen Sie dieses Jahr auf der Art Basel?

Thomas Zander: Wir werden unter anderem Arbeiten von On Kawara, Lewis Baltz, Bernd & Hilla Becher sowie Candida Höfer und Tina Barney präsentieren. Der Fokus liegt auf einer starken konzeptuellen und fotografischen Positionierung — mit Arbeiten, die kunsthistorisch bedeutend sind und zugleich hervorragend miteinander in Dialog treten.

Und natürlich wird es auch noch einige Überraschungen geben.


Das Gespräch führte Kai Geiger.