SO BRITISH!
Seit Oscar Wilde einen Hummer an der Leine am Ufer der Themse spazieren führte, wissen wir, dass in diesem Land der strengen Erziehung Extravaganz immer noch als Kunstform gepflegt wird. Viele britische Fotograf:innen teilen diesen Stil. Sie sind so british, weil sie es verstehen, den Geist ihrer Zeit mit einem großartigen Sinn für Klarheit einzufangen. Das Festival hat sich stets bemüht, die großen Meister der Fotografie zu ehren, und Sir Don McCullin, der von Königin Elizabeth II. zum Ritter geschlagen wurde, ist eine Legende: Er fotografierte nicht das Elend der Ausgegrenzten, er prangerte es an; er fotografierte nicht den Krieg, er verurteilte dessen Absurdität; er fotografierte nicht die englische Landschaft sondern deren Zerbrechlichkeit. Seit über fünfzig Jahren wirft der unermüdliche Chronist der englischen Gesellschaft Martin Parr einen messerscharfen Blick auf seine Landsleute. Dies tun ebenso Tony Ray-Jones, Peter Dench, Josh Edgoose und Terry O’Neill, als fotografischer Vertrauter der „Enfants terrib- les” Englands, von den Beatles über die Rolling Stones bis zu Elton John.
Anna Atkins war eine Pionierin auf dem Gebiet der Cyanotypie. Gina Soden erkundet alte Herrenhäuser und verfallene Fabriken. Cig Harvey experimentiert mit Farben, und Mary Turner wirft einen zärtlichen Blick auf das postindustrielle England. Christian Skrein erinnert an den Besuch der Beatles im österreichischen Obertauern, die zum Videodreh von Help! angereist waren. Richard Ladkani setzt mit „Just me, Jane!“ Jane Goodall ein fotografisches Denkmal. Esther Haase spürt dem Vermächtnis von Stilikone Vivian Westwood nach. Mike Taylors Arbeit „The Beautiful Game“ zeigt Fuß- ball aus der Perspektive von fiebernden Fans in britischen Pubs.
Von Queen-Gitarrengott Sir Brian May, der ein leidenschaftlicher Stereofotograf und Sammler dieser Kunst ist, zeigt das Festival mit „Stereoscopic Adventures In Hell“ eine absolute Rarität seiner Sammlung.
Eine andere Rarität ist die Ausstellung von Michel Bouvet „I Love The Beatles“, der in 35 außergewöhnlichen Bildern die legendärsten Songs der mythischen Band aus Liverpool illustriert. Dem 200.Geburtstag der Fotografie gewidmet zeigt das Festival die Retrospektive des einzigartigen Schaffens von Foto-Ikone und Magnum Gründer Robert Capa.
Der Zustand des Planeten Erde
Die unermüdliche Reisende und Modefotografin Françoise Huguier erkundet in „Emotive Africa“ die Seele der Menschen von Mali bis Äthiopien. In Tansania verortet Frédéric Noy sein Langzeitprojekt Udzungwa, wo Populationen endemischer Affen im Herzen eines Primärwaldes leben, der durch die Urbanisierung bedroht ist. Axelle de Russé betrachtet mithilfe von Infrarotfotografie die beiden bewohnten Polarwelten im Norden und im Süden. Corey Arnold verfolgt Bären und Kojoten und Waschbären auf der Suche nach Nahrung in die Städte. Die sinnliche Welt von François Fontaine, Gewinner des Leica-Preises für neue Umweltfotografie 2025, zeigt Bilder aufgenommen zur Zeit der Vollblüte in Japan. Norbert Span begibt sich auf eine visuelle Reise in die mikroskopischen Strukturen von Vitaminen.
Wasser ist Leben
Der Themenschwerpunkt Wasser untersucht die Bedeutung des Wassers für die Menschen. Unesco-Weltwasserchair Helmut Habersack wirft einen ernüchternden Blick auf die Flüsse der Welt – mit spektakulären Bildern aus dem Orbit von eoVision – Gerald Mannsberger & Markus Eisl. Der Forscher Günter Köck entführt in „High Artic“ in die fernsten Gebiete der Welt, wo Seesaiblinge als „Instrument“ zum Umwelt-Monitoring eingesetzt werden und Christin Gers- torfer taucht in die faszinierende, stille und dunkle Welt des Apnoetauchens ab. Einen „tiefen“ Einblick auf das fragile Ökosystem des Blauen Planeten gibt der Meeresbiologe und einer der besten Unterwasserfotografen seiner Generation Laurent Ballesta. Robert Doisneau, als „Auge von Paris“ berühmt, wirft diesmal seinen poetischen Blick auf Meer und Strandleben. Stephane Lavoué porträtiert 20 Menschen, die mit und auf dem Meer leben und arbeiten. Der indische Fotograf Supratim Bhattacharjee zeigt den Alltag von Menschen im Sundarbans-Archipel, die mit Klimakatastrophen konfrontiert sind.
Kiss Box
Aktion „Gefrorene Küsse“ für Besucher:innen, die ihren Kuss sichtbar machen wollen: Der Wissenschaftler und Fotograf Norbert Span, hat exklusiv für das Festival eine Methode ent- wickelt, bei der ein Kuss-Tropfen schockgefrostet auf dem Objektträger landet, kunstvoll beleuchtet wird und Aufnahmen entstehen lässt, die das, was sonst im Verborgenen bleibt wie Wasser, Eiweiße, Salze, Enzyme und ein Hauch von Unerklärlichem – in abstrakte Farbwelten verwandelt.
