ALPA of Switzerland
Wir sprachen mit Hans Keist und Patrick Lambertz (Managing Partners ALPA of Switzerland AG)
Wie ist die bewegte Geschichte von ALPA, von einem Unternehmen der Uhrenindustrie hin zu einem der führenden Kamerahersteller und wie hat sich das Unternehmen seit seiner Neugründung in den 1990er-Jahren entwickelt?
Patrick Lambertz: ALPA hat tatsächlich eine bewegte Geschichte, die ein Stück weit in Vergessenheit geraten ist. Das möchten wir ändern, denn die Wurzeln der Marke prägen uns bis heute: Präzision, Haptik und eine gewisse technische Eigenwilligkeit. Das Mutterunternehmen Pignons SA wurde 1918 in Ballaigues gegründet und belieferte zunächst die Uhrenindustrie mit feinmechanischen Komponenten. Schon der Name sagt viel: „Pignons“ bedeutet Zahnrad oder Ritzel. Als die Uhrenindustrie in den 1920er-Jahren in eine Krise geriet, musste Pignons diversifizieren. Die Kamera war damals eine naheliegende, aber auch mutige Option. Dafür engagierte man einen hochkarätigen Ingenieur namens Bolsky beziehungsweise Bogopolsky, der eine völlig neue Kleinbildkamera entwickelte. Bolsky war übrigens auch für die Entwicklung der legendären 16-mm-Filmkamera Bolex verantwortlich.
Hans Keist: ALPA hat sich eigentlich nie über Masse definiert, sondern immer über Eigenständigkeit und Qualität. Ein Vergleich zeigt das recht deutlich: Während zum Beispiel Leica von nur einem Modell – der Leica M3 – zwischen 1954 und 1967 allein 220.000 Stück produzierte, verkaufte Pignons zwischen 1944 und 1990 über alle Modelle hinweg nur rund 45.000 ALPA Kameras. Das macht die raren ALPA-Modelle bei Sammlern heute so begehrt. Hinzu kommt, dass die ALPA-Kameras immer schon sehr eigenständige Konstruktionen mit individuellen technischen Lösungen waren. Und ihre Beständigkeit ist geradezu legendär. Mitte der 90er traf die Krise in der Uhrenindustrie schließlich auch Pignons SA. Das Zürcher Ehepaar Ursula Capaul & Thomas Weber übernahm aus der Konkursmasse die Markenrechte mit dem Ziel, unter dem Namen ALPA 12 ein völlig neues, modulares Kamerasystem im Mittelformat zu entwickeln. Nach einem etwas holprigen Start fand das System viele leidenschaftliche Anhänger und entwickelte sich zum bevorzugten Instrument anspruchsvoller Architektur- und Studiofotografen – zunehmend auch namhafte zeitgenössische Künstler. 2022 habe ich das Unternehmen übernommen, da es bei Capaul und Weber keine familieninterne Nachfolge gab. Patrick Lambertz komplettiert seit März 2025 die Geschäftsleitung. Gemeinsam mit unserem Team möchten wir die Marke und diese einzigartigen Produkte in die Zukunft führen.
Welche Rolle spielt die Schweizer Präzisionstradition für Ihre Produkte?
Patrick Lambertz: Die Schweizer Präzisionstradition ist für uns kein Label, das man einfach auf eine Verpackung druckt. Sie steckt in der Art, wie unsere Produkte entstehen, wie sie sich anfühlen und wie lange sie funktionieren.
Die ALPA 12-Produkte werden seit über dreißig Jahren mit unseren eingespielten Partnern in der Schweiz produziert. Das merkt man schon in der Haptik. Wer einmal eine ALPA in der Hand gehabt hat, vergisst diesen Eindruck nicht mehr. Swissness zeigt sich für uns aber auch in der Nachhaltigkeit der Produkte. Wir hatten erst kürzlich Besuch von Simon Depardon – dem Sohn von Raymond Depardon, dem französischen Magnum Fotografen und ersten ALPA 12-Kunden. Simon brachte die 30 Jahre alte analoge ALPA 12 WA seines Vaters mit und frag- te, ob er sie auch digital benutzen könne. Mit ein paar Handgriffen haben wir ein digitales Rückteil und einen Auslöser angebracht – und schon konnte er die Kamera auf zeitgemäßem technischem Niveau weiterverwenden. Mit den originalen Objektiven. Und analog mit Rollfilm funktioniert sie natürlich auch weiterhin.
Wir haben die Patina bewahrt, die Kamera gereinigt, eine Wasserwaage aus- getauscht, und schon war sie wieder voll einsatzfähig. Für uns ist genau das Swissness: nicht Nostalgie, sondern die Fähigkeit, ein Werkzeug über Jahrzehnte lebendig zu halten.
Ihre Kameras werden oft als „Werkzeuge“ oder „Instrumente“ beschrieben – was bedeutet das konkret?
Hans Keist: Der Begriff „Instrument“ bringt sehr schön zum Ausdruck, dass man zu einer ALPA mehr als eine rein funktionale Beziehung hat. Ähnlich wie bei einem Musikinstrument verbringt man Zeit damit, sie zu verstehen und zu beherrschen. Und mit der Zeit ent- wickelt man eine besondere Fingerfertigkeit – und auch Schnelligkeit – in ihrer Bedienung. Das kann sehr befriedigend sein, weil es einem maximale Kontrolle über das Ergebnis zurückgibt. Viele moderne Kameras nehmen einem sehr viel ab, was in vielen Situationen wunderbar ist. Aber manchmal merkt man mit wachsender Erfahrung, dass man genau diese Dis- tanz wieder reduzieren möchte. Man möchte nicht nur auslösen, sondern entscheiden. Eine ALPA ist in diesem Sinn puristisch. Sie zwingt einen nicht zur Langsamkeit, aber sie lädt zur Bewusstheit ein. Das ist vielleicht vergleichbar mit einer High-End-Audioanlage oder eben einer Stradivari. Entscheidend ist nicht nur, was sie technisch kann, sondern was sie mit einem macht. Man wird mit einem authentischen Erlebnis und Ergebnis belohnt.
Welche technologischen Entwicklungen stufen Sie aktuell in der Fotografie als besonders relevant ein?
Patrick Lambertz: Aus unserer Perspektive ist die Kameraindustrie an einem Punkt angelangt, an dem reine Leistungsdaten nicht mehr alles entscheiden. Viele Systeme sind heute technisch auf einem sehr hohen Niveau. Performance wird sozusagen zur Commodity. Mit digitalen Rückteilen im Mittelformat und entsprechend hochkarätigen Objektiven besetzt ALPA zwar immer noch die Referenzklasse, was die Bildqualität angeht. Gleichzeitig sehen wir zum Beispiel bei den Teilnehmerinnen und Teilnehmern unserer ALPA Escapes, dass andere Fragen an Bedeutung gewinnen. Inspiriert mich eine Kamera, rauszugehen und zu fotografieren? Bringt sie mich dazu, genauer hinzusehen? Fordert sie mich heraus, besser zu werden? Gibt sie mir mehr Kontrolle – oder nimmt sie mir eher etwas ab? In einer Zeit, in der wir immer häufiger das Steuer aus der Hand geben, ist eine ALPA fast ein Gegenentwurf: ein Werk- zeug, das den Fotografen wieder in die Mitte stellt. Sie hilft, den Autopiloten abzustellen und bewusster zu sehen und zu gestalten. Gleichzeitig sind wir überzeugt, dass die persönliche Nähe zu Künstlern und Fotografen eine immer wichtigere Rolle spielt. Nicht nur die Technologie zählt, sondern auch das Umfeld, die Haltung und der Austausch, der daraus entsteht.
Welche Rolle spielt dabei die Digitalisierung?
Patrick Lambertz: Wenn wir über Aufnahme und Nachbearbeitung sprechen, ist Digitalisierung zunächst einmal eine weitere Art, Licht einzufangen und sichtbar zu machen. Nicht mehr und nicht weniger. Ich selbst habe als Student in meinem Heimlabor keine Lüftung installiert und mich dadurch auf die Chemikalien sensibilisiert. Irgendwann wurde die Laborarbeit für mich gesundheitlich unmöglich. Als die digitale Fotografie reif genug war, war das für mich eine Erlösung. Ich liebe und praktiziere nach wie vor analoge Fotografie – sie hat ihren ganz eigenen Charme. Die Digitalisierung, auch in der Nachbearbeitung, bietet hingegen viele Möglichkeiten, auf die ich nicht mehr verzichten möchte. Und sei es nur bei der Bearbeitung analoger Negative. Für mich sind analog und digital keine Glaubensfrage. Es sind zwei unterschiedliche Wege, mit Licht und Zeit umzugehen.
Wie werden die KI und die sich rasant weiterentwickelnde Technik die Fotografie verändern, die Kamera abschaffen?
Hans Keist: Das kann heute niemand seriös mit Sicherheit sagen. Aber es ist offensichtlich, dass KI die Bildproduktion tiefgreifend verändern wird. In einigen Bereichen der angewandten Fotografie wird sie aus rein wirtschaftlichen Gründen eine große Rolle spielen. Wenn ein Bild vor allem eine bestimmte Stimmung, Oberfläche oder Kulisse liefern muss, wird KI oft schneller und günstiger sein. Gewisse kommerzielle Bildwelten werden deshalb möglicherweise ganz oder teilweise in diese Richtung abwandern. Gleichzeitig glauben wir, dass dadurch das tatsächlich fotografierte Bild wieder an Bedeutung gewinnen kann. Gerade anspruchsvolle Marken, Künstler und Sammler werden stärker unterscheiden: Ist dieses Bild berechnet worden – oder ist jemand tatsächlich dort gewesen? Hat jemand gesehen, entschieden, gewartet, gearbeitet. Eine steigende Skepsis gegenüber künstlich erzeugter Authentizität könnte dazu führen, dass echte, fotografisch entstandene Bildwelten wieder bewusster wahrgenommen werden. Die Kamera wird deshalb aus unserer Sicht nicht verschwinden. Aber sie könnte wieder bewusster gewählt werden – weniger als Alltagsgerät, mehr als Instrument einer Haltung.
Ist Technik oder Kreativität wichtiger – oder untrennbar miteinander verbunden?
Hans Keist: Die Kreativität ist der Funke, der durch die stimmige Nutzung von Technologie zur vollen Entfaltung kommt. Technische Neuerungen ermöglichen oft auch neues Sehen. Sie sind vielleicht nicht untrennbar miteinander verbunden, aber stehen sicherlich in einer fruchtbaren und offenen Beziehung zueinander.
Wer sind Ihre Kunden?
Patrick Lambertz: Unsere Kunden sind so vielseitig und individuell wie unsere Kameras. Da sind professionelle Fotografen und anspruchsvolle Enthusiasten. Weltberühmte Künstler, Architekten, Designer, Unternehmer aus allen Ländern der Welt. Was sie alle vereint, ist die Beziehung zur Fotografie und die Sehnsucht oder auch der Drang, sich in Bildern auszudrücken. Viele von ihnen publizieren Bücher, machen Ausstelungen. Wir sehen uns dabei als Drehscheibe. Wir stellen Kontakte her und vermitteln Beziehungen. Zu Galeristen, Verlagen, Auftraggebern, Kuratoren, technischen Dienstleistern. Wir sehen unsere Kunden nicht als Endstation für unsere Kameras, sondern als Beginn einer Beziehung, die über Jahrzehnte andauert und ein dichtes Geflecht von Beziehungen und auch Freundschaften verkörpert. Und Freunde lässt man nicht mit einem technischen Problem im Regen stehen.
Warum entscheiden sich Profis bewusst für manuelle High-End-Kameras statt für automatisierte Systeme?
Patrick Lambertz & Hans Keist: So pauschal würden wir das gar nicht unterschreiben. Es hängt stark vom Einsatzgebiet ab, ob man sich für ein hochautomatisiertes System oder eine manuelle High-End-Kamera entscheidet. Es gibt sehr gute Gründe für automatisierte Systeme, und die meisten ALPA-Besitzer haben nicht nur eine Kamera. Eine ALPA ist nicht für jede Aufgabe die richtige Kamera. Und genau das ist vielleicht auch Teil ihrer Stärke. Sie muss nicht alles können, sondern das, wofür sie gebaut wurde, außergewöhnlich gut. Von denjenigen, die sich bewusst für eine ALPA entscheiden, hören wir immer wieder ähnliche Gründe: Flexibilität, Modularität, Verarbeitungsqualität, Haptik, Service und der persönliche Kontakt zu uns. Manchmal spielt natürlich auch das Image der Marke eine Rolle. Aber am Ende ist es meistens die Kombination aus Präzision, Reduktion und Kontrolle, die den Ausschlag gibt.
Wie wichtig ist die partnerschaftliche Zusammenarbeit mit Künstler:innen/Artists und das Erzählen von Geschichten im Marketing von ALPA?
Patrick Lambertz: Die Zusammenarbeit mit unseren Künstlerinnen und Künstlern hat viele Gesichter. Wichtig ist uns vor allem, dass diejenigen, mit denen wir zusammenarbeiten, ALPA aus Überzeugung nutzen.
Einerseits haben wir als Boutique-Hersteller nicht die Margen, um Produkte breit zu verteilen. Andererseits würde darunter auch die Glaubwürdigkeit leiden. Wir möchten keine künstlichen Testimonials aufbauen. Die Künstlerinnen und Künstler, die auf unserer Website zu sehen sind, nutzen ALPA aus Überzeugung – und in der Regel haben sie ihre Ausrüstung ganz normal gekauft.
Hans Keist: Was das Erzählen von Geschichten anbelangt: ALPA hat sich während der Ära Capaul und Weber sehr dezent zurückgehalten. Die Kameras wurden fast wie ein Geheimtipp von Kenner zu Kenner weitergegeben. Das hat wesentlich zum heutigen Kultstatus der Produkte beigetragen, aber natürlich auch die Bekanntheit limitiert.
Patrick Lambertz: Dabei gibt es unzählige spannende Geschichten rund um ALPA. Über Fotografen, Künstler, Projekte, technische Lösungen und manchmal auch über Kameras, die nach Jahrzehnten wieder auf unserem Tisch liegen. Dieses Wissen möchten wir stärker sichtbar machen. Wir wollen die Qualität und den Premiumanspruch der Produkte erlebbarer machen – von der Website bis hin zur Verpackung. Nicht lauter, sondern klarer. Nicht künstlicher, sondern näher an dem, was ALPA wirklich ausmacht.
Was fasziniert Sie persönlich an Fotografie und der Arbeit mit Kameratechnologie?
Patrick Lambertz & Hans Keist: Uns fasziniert, dass Fotografie nie nur Technik und nie nur Gefühl ist. Sie liegt genau dazwischen. Man arbeitet mit Licht, Zeit, Raum, Material und Entscheidungen. Das klingt fast abstrakt, ist aber in der Praxis sehr konkret: Wo stehe ich? Wann löse ich aus? Was lasse ich weg? Fotografie hat sehr viel mit Aufmerksamkeit zu tun. Man muss sich auf einen Ort, ein Objekt oder einen Menschen einlassen. Manchmal ist das Bild schon da, aber man sieht es erst, wenn man langsamer wird. An der Kameratechnologie interessiert uns deshalb nicht Technik um der Technik willen. Spannend wird sie dann, wenn sie Entscheidungen nicht ersetzt, sondern präziser macht. Eine gute Kamera sollte nicht zwischen Fotograf und Motiv treten. Sie sollte eine Art Verlängerung des Gedankens werden.Vielleicht ist das auch der Grund, warum wir bei ALPA so gerne von Instrumenten sprechen. Eine ALPA versucht nicht, den Fotografen zu überholen. Sie ist eher ein sehr präzises Gegenüber. Man arbeitet mit ihr. Und wenn alles stimmt – Kamera, Objektiv, Licht, Konzentration –, dann entsteht eine Art handwerkliche Freude. Viele unserer Kunden kennen und schätzen genau dieses Gefühl.
Was macht für Sie ein „perfektes“ Bild aus?
Patrick Lambertz & Hans Keist: Das perfekte Bild gibt es wahrscheinlich nicht – und genau deshalb sucht man es immer weiter. Technisch kann man vieles kontrollieren: Schärfe, Perspektive, Tonwerte, Farbe, Ausgabe. Aber am Ende braucht ein Bild etwas, das sich nicht ganz kontrollieren lässt. Perfekt ist für uns deshalb nicht gleichbedeutend mit makellos. Natürlich lieben wir Präzision, sonst würden wir keine ALPA bauen. Aber Präzision allein macht noch kein Bild. Entscheidend ist, ob ein Bild eine Präsenz hat. Es gibt Bilder, die sind vollkommen korrekt und bleiben trotzdem leer. Und es gibt Bilder, die haben eine kleine Unruhe, eine Verschiebung, etwas Unerwartetes – und genau dadurch werden sie stark. Vielleicht ist ein Bild dann besonders gut, wenn es gleichzeitig klar und offen ist. Wenn man spürt, dass jemand sehr bewusst entschieden hat, aber das Bild trotzdem nicht erklärt werden muss. Es hat eine eigene Stille, eine eigene Spannung. Für uns ist das interessanter als Perfektion im eigentlichen Sinn. Ein starkes Bild bleibt nicht nur auf dem Papier oder auf dem Bildschirm. Es arbeitet im Kopf weiter.
Das Gespräch führte Kai Geiger
