VAM © Knut Klaßen

Wir sprachen mit dem Galeristen, Kurator, Sammler und Mitveranstalter der „Videoart at Midnight“ in Berlin, Olaf Stüber, der sich seit vielen Jahren intensiv mit dem Medium Video auseinandersetzt.

Sie sind Kurator, Verleger, Dozent im „Dienst“ und der Leidenschaft für zeitbasierte Medienkunst erlegen. Welcher Kunstfilm, welches Video war der Türöffner für diese Leidenschaft?

Olaf Stüber: Das war wohl 2003 Corinna Schnitt in der ersten reinen Videokunst-Ausstellung in meiner Galerie. Es war nicht nur ein Film, der eine Tür öffnete, sondern gleich eine kleine Serie: „Schönen, guten Tag“, 1995, „Zwischen vier und sechs“, 1997 „Raus aus seinen Kleidern“, 1999 und „Das schlafende Mädchen“, 2001. In ihren Arbeiten, meist auf 16mm gedreht, verwandelte Corinna Schnitt dokumentarische Fundstücke in herrlich absurde Geschichten des kleinbürgerlichen Alltags. Mit messerscharfem, augenzwinkerndem Humor sezierte sie in diesen Filmen Sprache, Gewohnheiten und Floskeln, bis sich die Grenze zwischen banaler Realität und komischer Groteske vollends verwischte. Die Ausstellung war mehr als ein Türöffner für meine Leidenschaft. Sie war ein Türöffner in einen ganz neuen Diskurs: über Medien, die Präsentation von Medien und Communitybuilding. Das erste Mal seit der Eröffnung meiner Galerie tauschten sich die Besucher über das Gesehene aus. Auf einmal schienen alle Freude daran zu haben, an der Eröffnung teilzunehmen und am Galerienprogramm partizipieren zu können.

Still Film Opening

Wie hat sich der Stellenwert von Videokunst im musealen Kontext von den Anfängen bis heute verändert?

Olaf Stüber: Nicht sehr viel. Künstlerfilm und -video oder vielleicht auch „zeitbasierte Medien“ fristen bis heute ein Nischendasein. Der Art Basel/UBS-Report 2025 zeigt – wie seit vielen Jahren –, dass für diese Kunstform lediglich 0,7 bis 1% des gesamten globalen bewegten Geldes ausgegeben wird – von privaten und institutionellen Sammlungen zusammen. Noch immer besteht eine krasse Diskrepanz zwischen der Bedeutung der Kunstform, die ja gerne und viel gezeigt wird, und den tatsächlichen Ankäufen. Viele relevante Beiträge werden, wenn sie nicht über den Umweg der privaten Sammlungsschenkungen oder Künstlernachlässe ihren Weg in Museumssammlungen finden, der Nachwelt verloren gehen.

Es gibt einige beachtliche Videokunstsammlungen in namhaften Museen wie dem MoMA New York, dem ZKM in Karlsruhe, dem Folkwang Museum in Essen oder dem Kunsthaus Zürich. Diese sind aber mehrheitlich unter Verschluss und werden nur temporär gezeigt. Was passiert mit und in den Sammlungen und wer nutzt sie wie?

Olaf Stüber: Gute Frage. Ich glaube, dass die großen Museen erhebliche Anstrengungen unternehmen, frühe Videoarbeiten zu restaurieren und zu digitalisieren. Da gibt es aber neben den restauratorischen Fragen auch immer rechtliche. Oftmals wurde beispielsweise lediglich ein O-Matic-Band gekauft, ohne Zertifikat, ohne andere Belege. Die nachträgliche Beschaffung der notwendigen Rechte kann sich als sehr kompliziert erweisen.
Das digitale Zugänglichmachen von Museumssammlungen gestaltet sich auch aus den genannten rechtlichen Fragestellungen – ob für das Onlinestreamen oder für digitale Sichtungsplätze in den Museen – als eher schwierig. Viele Künstler wollen schlicht den Online-Zugang zu ihren Arbeiten nicht.

audience © Thierry Geoffroy

War und ist dies ein fließender Übergang oder gibt es einen klaren Schnitt zwischen der Videokunst eines Nam June Paik, Marcel Odenbach, Ulrike Rosenbach und Künstler:innen von heute, die sich in digitalisierten Welten und immersiven Umgebungen bewegen und ein hybrides Zusammenspiel von Kunst, Wissenschaft und Technologien kreieren?

Olaf Stüber: Ich bin kein Kunsthistoriker, aber soweit ich das beobachte, ist der Übergang fließend. Was früher die tragbare Sony-Portapak-Videokamera war, ist heute das iPhone mit 4k-Auflösung und Raw-Aufnahme. Videokünstler haben immer die neueste Technik verwendet. Was früher Türme mit Monitoren waren, sind heute raumgreifende Installationen, projiziert oder mit großformatigen LED-Wänden.

Vielleicht lässt sich ein Schnitt 2021/2022 machen, als das Thema NFT und generative Kunst aufkam, also die Bildgestaltung nicht mehr per Kamera, sondern am Computer stattfand und sich die Marktbedingungen und -strukturen für diese neuen Medien komplett änderten.

Sie haben von 2001 bis 2011 die Galerie Olaf Stüber betrieben. Wer sammelt Videokunst und wie bemisst sich der Preis und der Wert des Mediums?

Olaf Stüber: Videokunst sammeln sowohl private als auch institutionelle Sammlungen. Lange nicht genug, wie oben schon erwähnt. Die Frage zielt wohl auf die privaten Sammler ab? Es sind nicht nur junge Sammler, wie man vielleicht denken könnte. Ich würde fast sagen, es sind eher die „fortgeschrittenen“ Sammler, die mit dem Ankauf anderer Medien Erfahrung gesammelt haben und sich dann in den Bereich Videokunst vorwagen. Also die Sammler, die nicht mehr für die Wand im Wohnzimmer kaufen, sondern weil sie die Kunst einfach besitzen wollen oder erkannt haben, dass ein Werk eine Bedeutung hat, auch wenn es dann in der Schublade oder auf einem Server gespeichert wird und nicht mehr sichtbar ist. Die wenigsten sammeln aus Prestigegründen. Und Spekulation erlaubt sich ohnehin nicht, da es kein Sekundärmarkt für Videokunst gibt. Ich glaube, dass viele Videokunstsammler tatsächlich kaufen, weil sie dabei sein und unterstützen wollen: die Künstler, die Galerie. Immer wieder sehe ich Beispiele, wo aus Käufern Produzenten werden, also Sich-am-Entstehungsprozess-Beteiligende.

Die Preisgestaltung setzt sich wie bei anderen Medien aus verschiedenen Faktoren zusammen: den Produktionskosten, dem Renommee des Künstlers, dem Renommee der Galerie, dem Renommee des Marktplatzes usw. Und am Ende ist es vielleicht auch eine Behauptung, die dann aber von Marktteilnehmern durch den tatsächlichen Kauf bestätigt werden muss.

Julieta Aranda © Nika Radic

Wie wichtig sind Portale wie IMAI PLAY oder ihre eigene Edition „Videoart at Midnight“ für den Erhalt von Videokunst? Was wird dort angeboten und von wem wird es genutzt?

Olaf Stüber: Beides hat seine Berechtigung auf unterschiedliche Weise. IMAI hat eine sehr starke Position in der Erhaltung von Werken, insbesondere auch von früher Videokunst, und darin, diese auch online zugänglich zu machen. Wer das Angebot von IMAI nutzt, entzieht sich meiner Kenntnis, ich vermute eher Forschende. Die „Videoart at Midnight“-Edition geht einen anderen Weg. Die einzelnen Werke werden auf dem Kunstmarkt angeboten. Allerdings nicht in einer üblichen Auflage von 3, 5 oder 7 Kopien, sondern in einer Auflage von 40. Dadurch ist es uns möglich, die Editionen zu einem sehr günstigen Preis anzubieten. Es ist weniger ein profitorientiertes als ein demokratisches Modell, das die Erhaltung der Werke auf mehrere Schultern, sprich Sammlungen, verteilt. Die „Videoart at Midnight“-Edition zielt auf eine breitere Sichtbarkeit, die Bildung einer Gemeinschaft um „Videoart at Midnight“ herum ab. Damit versuchen wir dem Medium eher gerecht zu werden als die sonst auf dem Kunstmarkt vorherrschende strenge Limitierung.

Zusammen mit dem Berliner Sammler Ivo Wessel veranstalten Sie die Reihe „Videoart at Midnight“. Was verbirgt sich dahinter?

Olaf Stüber: Ivo Wessel war 2008 Mitgründer von „Videoart at Midnight“. Er war damals nicht nur ein eng mit der Galerie verbundener Sammler, sondern auch ein profunder Kenner insbesondere der Berliner Kunstszene. Aus den Erfahrungen, die ich mit der Galerie insbesondere auf Messen gemacht habe, wollten wir einen „Safe Space“ für Künstler, die mit Film und Video arbeiten, anbieten. Das Konzept war von Anfang an sehr einfach: einmal im Monat, immer an einem Freitag um Mitternacht, wollten wir einen Künstler/eine Künstlerin einladen, ihre Werke auf der großen Leinwand eines Kinos zu zeigen. In guter Bildqualität und mit gutem Soundsystem. Jeder Abend sollte einem Künstler/einer Künstlerin gewidmet sein, sie sollten anwesend sein und, so der Plan, ihre Werke selbst dem Publikum vorstellen.

Um wirklich unabhängig zu sein, wollten wir aus dem monetären System aussteigen und ein Projekt starten, das ohne Budget funktioniert. Bis heute bekommen weder das Kino noch die Künstler noch ich selbst Geld aus diesem Projekt. Und da die Kosten bei null sind, muss auch kein Eintritt verlangt werden. Dieses finanzielle Vakuum schafft eine einzigartige Freiheit: Wir sind weit entfernt von Marktinteressen oder auch politischen Zwängen – in einem Raum (Kino) und zu einer Zeit (Mitternacht), zu der Besucher nur kommen, weil sie sich bewusst dafür entscheiden, sich mit der Kunst auseinanderzusetzen.

Marianna Simnett © Friedrich Schuster

Ist die Veranstaltungsreihe Treffpunkt einer eingeschworenen Fangemeinde oder wie ist die Typologie Ihres Publikums?

Olaf Stüber: Durch den Wegfall des Ticketpreises haben wir den Besucher vom Konsumenten zum Teilnehmenden gemacht. Über die Jahre hat sich „Videoart at Midnight“ zu einer Art Kultveranstaltung entwickelt. Während wir regelmäßig zwischen 120 und 150 Gäste begrüßen, füllen Abende mit Künstlern wie Douglas Gordon, Hito Steyerl oder Wolfgang Tillmans das Kino mit seinen 500 Sitzen bis auf den letzten Platz. Es gibt ein langjähriges Stammpublikum, aber es kommen immer wieder neue, oft junge Besucher. Insgesamt ist unser Publikum international, divers und unglaublich loyal. Das beweist: Wenn man den kommerziellen Druck beseitigt, verliert man keinen Markt, sondern gewinnt einen lebendigen, dynamischen Diskurs, der weitaus widerstandsfähiger und authentischer ist als viele kommerzielle Strukturen. Dies hat dazu geführt, dass ich 2011 meine Galerie schloss und mehr und mehr Zeit und Energie in „Videoart at Midnight“ gesetzt habe.
Letztendlich geht es darum, die Kunsterfahrung mit anderen zu teilen. In einem kommerziellen Umfeld wird Kunst oft als „privat asset“ betrachtet. Bei Videoart at Midnight bringen wir sie zurück in die „community“. Es geht um den gemeinsamen Moment des Sehens, die geteilte Stille in der Dunkelheit und den anschließenden Diskurs.