PHOTO BOOK MUSEUM
Wir sprachen mit Markus Schaden
Sie sind Mitbegründer des PhotoBookMuseums in Köln und ausgewiesener und viel gefragter Experte im Bereich der Fotobücher. Welches erste Foto und/oder Fotobuch hat Sie dermaßen in den Bann gezogen, dass aus einem Sortimentsbuchhändler eine der führenden Spezialbuchhandlungen wurde und Sie die Fotografie nie mehr losgelassen hat?
Markus Schaden: Ja, das war COLOGNE INTIME von Chargesheimer von 1957. A photobook changed my life … kann ich nur sagen. Ich streunte 1985 während meiner Zeit an der Frankfurter Buchhändlerschule gerne durch Antiquariate und plötzlich hatte ich dieses mir unbekannte Fotobuch über Köln in meinen Händen. Chargesheimer hieß der Autor und Fotograf. Fasziniert von seinen ungeschminkten, aber doch so eindringlichen fotografischen Blicken auf Köln kaufte ich mir das Buch kurzentschlossen. Die Stadt offenbarte sich mir in diesen Fotos in einer Art kölschem, magischem Realismus und mit unerwarteter Gravitation. Die wurde so stark, dass ich meinen Plan, vom Rhein in das coole Berlin zu ziehen, kurzentschlossen verwarf und blieb. Sowohl Köln als auch Chargesheimer und sein Werk haben mich seitdem nicht mehr losgelassen und begeistern mich noch heute. Daraus ist dann eine Art dauerhafte Liaison geworden. Denn schon einige Jahre später gründete ich mit meinem Bruder einen eigenen Verlag. Wir entwickelten neue Ideen für eine Fotobuch-Kultur, sammelten und verkauften Fotobücher und verlegten unter anderem auch unser erstes Chargesheimer Buch. In der Folge gründeten wir 1998 dann die Fotobuchhandlung schaden.com , direkt gelegen am Fuß des Kölner Doms. Sozusagen genau zwischen Erzbischof und Brauhaus. Das hätte dem Chargesheimer gefallen! Amen und Prost.
Welche Bedeutung hat das Fotobuch innerhalb des Buchmarkts heute und wie hat sich der Markt für Fotobücher in den letzten 30 Jahren entwickelt?
Markus Schaden: Der Buchmarkt selbst war schon immer ein schwieriges Geschäft. Das Buch als Medium wurde ja schon vielmals totgesagt, ersteht aber immer wieder auf. Analoge Medien sind aber im Trend wie das Vinyl im Musikgeschäft. Das gilt beim Fotobuch auch. Die jungen Generationen sind ganz begeistert vom Papier und dem Buch. Die digitale Drucktechnik hat natürlich auch im Fotobuchmarkt vieles entscheidend verändert. Auf den Punkt gebracht: Es hat die Buchproduktion unabhängiger von Verlagen gemacht. Vor 30 Jahren brauchte man einen Verlag, heute kann man im DIY publizieren. Damals erschienen 500 Fotobücher im Jahr in einer Auflagenhöhe von 5000 Exemplaren, heutzutage erscheinen 5000 Fotobücher mit 500 Exemplaren. Es gibt mehr Vielfalt, aber auch mehr Unübersichtlichkeit. Allerdings haben sich die Informations- und Absatzwege durch Social Media verbessert und den Vertrieb demokratisiert.
Was ist das Fotobuch im digitalen Zeitalter und dem Overload an privaten Handybildern, überflutenden Bildergalerien und immer attraktiver werdenden Print-on-Demand-Möglichkeiten noch Wert?
Markus Schaden: Jeder kann sich heutzutage im Medium Fotobuch ausdrücken. Das private Fotobuch hat die Rolle des früheren Fotoalbums übernommen und erfreut sich großem Zuspruch. Hier generiert die Buchform natürlich Selektion und zwingt Menschen, Fotos zu bewerten und zu editieren. Hier braucht es noch Hilfe und Unterstützung, visuelle Kompetenz zu verbessern. Die Rolle des Mediums Buch innerhalb der Fotografie, Kunst und Kultur weiterhin zu etablieren und zu verankern, ist die Aufgabe der Zukunft.
Ist diese Entwicklung „Fluch“ oder Chance, wie wird sich das Fotobuch weiterentwickeln?
Markus Schaden: Das Fotobuch als vielfältiger Container für Fotografien und Narrative aller Art und unterschiedlichster Formen, sozusagen als ein globales „visuelles Esperanto“ ist für mich von enormem Wert und eine der spannendsten Arten von Kommunikation in der Zukunft. Also mehr Chance als Fluch!
Wer sammelt Fotobücher und mit welcher Passion und Ziel?
Markus Schaden: Es gibt weltweit seit Jahren eine Vielzahl von privaten Sammlern, die sammeln, was sie begeistert und interessiert, meistens thematisch orientiert. Die einen Fotobücher über Paris oder Tokyo, andere nach Verlagen oder Kulturräumen. Da gibt es viele Leidenschaften. Und dann kommt irgendwann der Punkt, über die Zukunft dieser privaten Sammlungen nachzudenken, meistens erst, wenn die Regale anfangen überzuquellen und die Räumlichkeiten ausgeschöpft sind. Bedauerlicherweise gibt es dann, natürlich neben der Möglichkeit, die Fotobuchsammlung wieder zurück in den Buchmarkt zu bringen, wenig Institutionen wie z.B. Museen, Bibliotheken oder andere Fotografie-Orte, die mit dem Buch als Sammlungsobjekt vertraut sind und überhaupt mit diesem Medium agieren können.
Das war und ist ein guter Grund, das PhotoBookMuseum zu gründen und zu betreiben.
Was ist für Sie das perfekte Foto?
Markus Schaden: Gibt es das perfekte Foto überhaupt? Hier ist meins: Das sogenannte „BLUE MARBLE“-Foto – der Erdenaufgang aus der Raumfahrtkapsel (gerade nochmal in Neufassung von der Artemis-Mission!) – vereint schon in optimaler Weise Perfektion in Motiv und Technik. Aber die Rolle des ikonischen Einzelbildes in der Fotografie ist schon fast Geschichte. In Zukunft wird die Bedeutung mehr im Geschichtenerzählen liegen.
... und wie wird daraus ein gutes und erfolgreiches Fotobuch, das für Sie welche Kriterien erfüllen muss?
Markus Schaden: Ein gutes Fotobuch muss visuell und formal überzeugen und das Narrativ muss begeistern. Das ist nicht einfach und es gibt dafür keinen generellen Kriterien-Katalog. Ein gutes Fotobuch ist fast immer ein Produkt guter Kollaboration. Dafür muss man sich vollends auf das gründliche „sogenannte“ Editieren eines Fotobuches einlassen. Der Prozess, aus einem Haufen Fotos ein Buch zu machen, heißt auch, auf die Bilder zu hören. Dann geht es los, manchmal ist das Ziel der Mission noch ungewiss. Es heißt dann, Fotografien in lesbare Sequenzen zu bringen. Das ist komplex und kann oft misslingen. Dann braucht es noch alle Entscheidungen vom Titel, Titelbild, Gestaltung und natürlich die Produktion. Immer wieder ein Abenteuer!
Sie waren Buchhändler und Verleger und haben beides in den 2010er-Jahren an den Nagel gehängt, um sich der Idee des PhotoBookMuseums zu widmen. Wie ist es dazu gekommen?
Markus Schaden: Ich brauchte eine neue Herausforderung. Nach all den Jahren als Buchhändler und Verleger wollte ich mich dem Medium Fotobuch neu stellen. Fotobuchkultur weiterzuentwickeln interessierte mich sehr und ich dachte, ein FotoMuseum mal neu aus der Buch-Perspektive zu definieren, ist spannend. Ich hatte ein erfahrenes kleines Team am Start und das Projekt nahm Anfang 2013 Fahrt auf. Mit viel Einsatz und einer Menge Crowdfunding ging es los und mündete im Sommer 2014 in eine große Prototyp-Ausstellung auf über 6000 m2 und über 30 Einzelausstellungen in einer alten umgenutzten Kölner Fabrikhalle. Ein großer Erfolg mit ca. 20.000 Besuchern in drei Monaten.
Was ist das PhotoBookMuseum?
Markus Schaden: Ein sehr aktives und bis jetzt weltweit einzigartiges Museum, das sich ausschließlich der Kultur des Fotobuchs widmet, sammelt, viele kleine und große Ausstellungen konzipiert, weltweit vernetzt ist und international mit vielen Partnern kooperiert. Einen großen Schwerpunkt legt das PhotoBookMuseum auf innovative Vermittlungsformen und auf die Förderung junger Fotobuchmacher:innnen. Dafür betreibt das Museum auch den internationalen DUMMY AWARD – eine Ausschreibung für noch unveröffentlichte Fotobücher.
Ein Museum ohne permanentes Haus, wie funktioniert Ihr Museum?
Markus Schaden: Ein Museum dauerhaft zu etablieren und zu institutionalisieren, ist ein schwieriger und langwieriger Prozess. Da gibt es immer Höhen und Tiefen. Wir haben unseren Sitz in der Köln-Ehrenfelder Körnerstraße. Eine legendäre Straße, berühmt für nachbarschaftliches und vielfältiges Leben, ein perfekter Ort für uns. Über die Jahre hat das Engagement des Museums in der Straße zu vielen Optionen für viele Pop-up-Räume und die Mithilfe der Nachbarn generiert. Fotografie ist Dialog! Also haben wir aus der Not eine Tugend gemacht und einfach die ganze Straße involviert. So bieten sich deshalb dort immer wieder spannende Locations, die wir hoffentlich auch als dauerhafte Orte in der Zukunft nutzen und bespielen können. Ein alter Bunker und seit Kurzem eine große alte Spielhalle stehen uns dort zur Verfügung. Museumsmauern müssen wir keine niederreißen, um mehr neues Publikum zu finden. Nach einem Jahrzehnt begeistert diese Strategie jetzt sogar das Kölner Kulturamt, man weiß: Die Stadtkassen sind klamm und neue Ideen gefragt. Also nicht nur „Museum“ auf die Straße, sondern das Museum ist die Straße. Dieses Konzept entwickeln wir weiter und haben bis jetzt private Unterstützer:innen, die unseren Betrieb in der Form ermöglichen – welch ein Glück in diesen Zeiten!
Was steht auf der Agenda, was sind die Highlights des PhotoBookMuseums in diesem Jahr?
Markus Schaden: Wir arbeiten gerade daran, im Herbst unser sehr erfolgreiches Ausstellungsprojekt „GRAND HOTEL PARR – Fotobücher von Martin Parr“ nach Köln in die alte Spielhalle zu bringen. Die Premiere dieser großen Fotobuch-Retrospektive des britischen MAGNUM-Fotografen fand im Oktober 2025 in Nürnberg im NEUEN MUSEUM statt. Ein großer Publikumserfolg und noch von Martin Parr zur Eröffnung besucht, bevor er tragischerweise sechs Wochen später plötzlich verstarb. Unser kleineres Galerieprogramm in unserer sogenannten BOX zeigt zurzeit PUK! PUK! Fotobücher aus Bulgarien und im Laufe des Sommers den DUMMY AWARD 2026 Reading Room. Im Garten des Bunkers zeigen wir Open Air Fotobücher von Stephen Gill. Weitere Großprojekte folgen 2027 und 2028.
Das Gespräch führte Kai Geiger
