Donaueschingen
Donaueschinger Musiktage 2026
polyphonies
15. – 18.10.2026
Das Programm der Donaueschinger Musiktage 2026 steht unter dem Titel „polyphonies“. In 14 Konzerten, Performances und Installationen vom 15. bis 18. Oktober mit 20 Ur- und Erstaufführungen widmet sich das Festival der Polyphonie und damit dem Konzept, Musik aus unterschiedlichen Stimmen, Linien, Elementen und Materialien zusammenzusetzen. „In den letzten Jahrzehnten hat sich eine enorme Vielfalt an Kompositionsästhetiken, -ansätzen und -techniken entwickelt. Viele Komponist:innen verschiedenster Ausrichtungen teilen auch heute das Interesse, komplexe Strukturen aus unterschiedlichen, ihre Eigenständigkeit bewahrenden Stimmen zu erschaffen“, konstatiert Lydia Rilling, Künstlerische Leiterin der Donaueschinger Musiktage. „Polyphone Musik kann dabei modellhaft für politische und soziale Situationen stehen, in denen gegensätzliche Gruppen und Interessen nebeneinander bestehen, parallel verlaufen, sich überschneiden und aufeinanderprallen, aber dennoch weiterhin miteinander interagieren: Konflikt ohne Zerstörung, Dissens ohne Kollaps.“ Das Festival versteht „polyphonies“ als Spiegel einer komplexen Gegenwart, die sich nicht auf wenige Perspektiven reduzieren lässt. „Die Donaueschinger Musiktage sind kein Ort der Einigkeit, sondern der Auseinandersetzung, der Diskussion und vor allem des gemeinsamen Hörens, Erlebens und Nachdenkens. Das Festivalmotto wird hier auch als Haltung verstanden – als die Fähigkeit, Differenzen auszuhalten und miteinander in Dialog zu treten.“
Klangkunst: Murmeltiere, Effizienz und das Spiel mit dem Feuer
Zum Auftakt der Donaueschinger Musiktage 2026 werden am Donnerstag (15.10.) die Klanginstallationen eröffnet. In ihrem Projekt „Coexistences #2“ verarbeitet Gwendoline Robin im Museum Art.Plus Hörerlebnisse aus dem Hochgebirge – das Rauschen der Flüsse, den Wind oder das Rufen von Murmeltieren – zu zwei Installationen sowie einer Performance. Yann Leguay hinterfragt in seiner interaktiven Klanginstallation in der Alten Molkerei unsere Priorisierung von Effizienz und macht die Diskrepanz zwischen technischen Systemen und natürlicher Umwelt hörbar. Inspiriert durch seine Residenz „Mechanical Forests“ in St. Georgen im Schwarzwald, gefördert vom Projekt „Die drei Ecken“ von Interreg, erkundet Leguay Formen der Energieerzeugung aus der Zeit vor der Elektrizität, um Klang zu aktivieren. Der französische Künstler ist am Freitagabend im Schlosspark zudem in einer Performance zu erleben, in der die Flammen von Feuer zu Protagonisten einer minimalistischen Komposition werden (Freitag, 16.10., 23 Uhr).
Eröffnung und Abschluss mit dem SWR Symphonieorchester
Eine zentrale Säule der Musiktage ist das SWR Symphonieorchester, das mit zwei Konzerten das Konzertwochenende in Donaueschingen einrahmt. Im Eröffnungskonzert unter der Leitung von Brad Lubman hebt es gemeinsam mit dem SWR Experimentalstudio vier neue Werke aus der Taufe. Die Frage, wie sich die Erfahrung unserer erschütterten Welt musikalisch begreifen lässt, bestimmt die Kompositionen von Natasha Barrett und Stefan Prins. Prins setzt den „Wahnsinn“ des unkontrollierbaren Chaos aktueller Entwicklungen als künstlerisches Prinzip ein, während Natasha Barrett die vermeintliche Stabilität eines kollabierenden Systems dekonstruiert. Auch Igor C Silva widmet sich dem Thema Kontrolle und Kontrollverlust und experimentiert mit der Interaktion und Improvisation von Dirigent, Orchester und Solist:innen (Susana Santos Silva, Trompete und der Komponist mit Live-Elektronik). Für Hannah Kendall erweisen sich Verse des martinikanischen Dichters Édouard Glissant von 1949 als höchst zutreffend auf unsere Gegenwart (Freitag, 16.10., 20 Uhr). Im Abschlusskonzert steht Chefdirigent François-Xavier Roth am Pult des Orchesters. Polyphonie ist letztlich auch eine Reflexion über das Gedächtnis, und Mauro Lanza und Clara Iannotta beschäftigen sich mit der Unschärfe von Erinnerung. Lanza erzeugt angeregt vom Internetphänomen „dreamcore“ mit Loops ein Déjà-vu-Gefühl zwischen Desorientierung und Nostalgie. Iannotta reflektiert musikalisch über die Ungreifbarkeit von Erinnerung nach Verlust. Fabien Lévy komponiert eine polyrhythmische Hommage an die Musik der zentralafrikanischen Völker Mbaka, Bedzan und Aka, deren Existenz durch die Klimakrise bedroht ist. Noriko Baba schließlich verwandelt mittelalterliche Tierallegorien, in denen kollektive Erinnerung und Fantasie verschmelzen, in Klang (Sonntag, 18.10., 17 Uhr).

Donaueschinger_Musiktage_2026_Iannotta © SWR
Schwitters, Kuriosa, offener Dialog und polyphone Improvisation mit Kirchenorgel
Die gemeinsame Faszination für Kurt Schwitters und dessen Polyphonie der Materialien bringt Simon Steen-Andersen und Michael Schmid zusammen: Gut einhundert Jahre nach der Entstehung der „Ursonate“ begeben sie sich auf eine multimediale Erkundung des Werks und seines Schöpfers (Samstag, 17.10., 11:30 & 21:30 Uhr). Inspiriert vom Percy Grainger Museum in Melbourne überträgt Steven Kazuo Takasugi Graingers Leidenschaft des Sammelns von Kuriosa auf die Bühne. Er bedient sich dazu tausender Samples von Instrumenten aus der Sammlung des Museums wie auch der Mitglieder von Speak Percussion, die ihr Debüt bei den Musiktagen geben (Samstag, 17.10., 11:30 & 21:30 Uhr). Nach ihrem Soloauftritt mit dem SWR Symphonieorchester im Eröffnungskonzert präsentiert Trompeterin Susana Santos Silva auch ihre neue Duo-Konstellation mit der kasachischen Geigerin Aisha Orazbayeva (Samstag, 17.10., 15 Uhr, Sonntag, 18.10., 15 Uhr). Gleichzeitig ist in der Stadtkirche St. Johann das Improvisationsensemble ONCEIM zusammen mit der Kirchenorgel zu hören: Marina Rosenfeld, die in ihren Kompositionen für besonders resonante Räume mit dem psychoakustischen Nachhall von Klängen und dem Übergang vom Klang zur Stille arbeitet, lässt den Pariser Musiker:innen Raum, ihr eigenes Hörverständnis und ihr improvisatorisches Können einzubringen. Mit der Uraufführung von „OCCAM XXV zeta“ würdigt das Festival zudem die jüngst verstorbene Komponistin Éliane Radigue, der sowohl die Musiktage wie auch ONCEIM eng verbunden sind.
Live-Experiment und Streicherensemble als Intelligenzsystem
Die letzte Show vor dem Ende der Welt mit dem Ensemble Modern unter der Leitung von Xizi Wang: Brigitta Muntendorf verwandelt in „Last Show“ das Konzert in ein soziales Live-Experiment. Angesiedelt zwischen Fernsehstudio und Konzertsaal lässt sie die Grenze zwischen Publikum und Darstellenden verschwimmen, indem das Publikum durch ein Voting-Tool zum Akteur wird (Samstag, 17.10., 19 Uhr). Vier Streichquartette plus zwei Kontrabässe: Rebecca Saunders’ hochgradig polyphones Werk für die 18 Streicher des Ensemble Resonanz unter der Leitung von Enno Poppe lebt vom Kontrast zwischen expressiven, melodischen Linien und rhythmisch-pulsierenden Strukturen, die wiederum zu jeweils eigenständigen Texturen verwoben sind. Ann Cleare hingegen imaginiert das Streicherensemble als ein gigantisches Intelligenzsystem mit unzähligen miteinander verbundenen Nervenzellen. Angeregt von der Forschung zum menschlichen Gehirn und maschinellen Lernen lässt sie das Ensemble zum Produzenten wie Empfänger von Wissen werden (Sonntag, 18.10., 11 Uhr).
