Milena Schilling, Fotografin - Titelgesicht LOUISE 2026
Wir sprachen mit Milena Schilling.
Wie ist das „Dorfkind“ aus dem beschaulichen Grießen, einem Dorf in Süddeutschland, das Dank Ihrer Fotos auch schon in den Medien zu sehen war, zur Fotografie gekommen und dorthin gekommen, wo Sie heute sind?
Milena Schilling: Ich wusste schon sehr früh, etwa in der sechsten Klasse, dass ich Fotografin werden möchte. Von dem Erbe meiner Oma habe ich meine erste Spiegelreflexkamera bekommen und ab da alle Menschen in meinem Umfeld ständig begleitet und in Szene gesetzt. In der zehnten Klasse habe ich dann angefangen, unseren Dachboden in ein Fotostudio umzubauen und mich selbstständig gemacht. Nach dem Abitur war klar, ich will Fotografie studieren, da ich erst 17 war, musste ich ein Jahr warten, bis ich nach Konstanz ziehen konnte, um meinen Bachelor in Kommunikationsdesign zu machen. Dieses Jahr nutzte ich, um mich eigenständig immer tiefer in die Fotografie
einzuarbeiten und mir so mein Studium neben meiner Selbstständigkeit zu finanzieren. Im Bachelor lag mein Fokus ganz eindeutig auf der Fotografie, weshalb ich anschließend beschloss, noch den Master in photographic studies in Dortmund anzuschließen. Da ich generell ein sehr wissbegieriger und neugieriger Mensch bin, habe ich mich in Dortmund auch in viele Vorlesungen reingesetzt, ohne dafür Punkte zu bekommen, einfach weil es mich interessiert hat und ich mehr lernen wollte. Und auch heute noch bilde ich mich permanent weiter, besuche viele Ausstellungen, Museen etc. und möchte die Fotografie aus vielen verschiedenen Blickwinkeln kennenlernen und verstehen.
Was fasziniert Sie bis heute an der Fotografie?
Milena Schilling: Die Begeisterung für die Fotografie und die Faszination für Menschen habe ich schon, soweit ich mich zurückerinnern kann, und
sie wird zunehmend stärker. Ich finde Menschen und ihre Geschichten generell super spannend und interessant. Sich dabei zu überlegen, wie man was fotografisch erzählen kann und wie etwas wirkt, und das gezielt einzusetzen, macht mir sehr viel Spaß. Denn mit der passenden Bildsprache zu einem Thema kann man mit Fotografie sehr viel bewirken, Gefühle auslösen, Menschen zum Nachdenken anregen, sie auf Dinge aufmerksam machen usw.
Welche Themen und Fragenstellungen stehen im Mittelpunkt Ihrer Arbeit?
Milena Schilling: Im Zentrum meiner Arbeit stehen für mich vor allem Themen, die im Spannungsfeld zwischen persönlicher Wahrnehmung und gesellschaftlicher Relevanz liegen. Ich interessiere mich für die alltäglichen Momente, Ereignisse und Geschichten, die oft übersehen werden, obwohl sie eine besondere Sensibilität oder Intensität in sich tragen, und setze diese in einen größeren Kontext. Damit rege ich zum Nachdenken an und gewohnte Sichtweisen zu hinterfragen. Ich nutze Fotografie dabei als Mittel, um Emotionen zu erzeugen und neue Perspektiven zu öffnen. Insgesamt verstehe ich meine Arbeit als einen Beitrag dazu, mit den mir zur Verfügung stehenden fotografischen Mitteln auf Themen aufmerksam zu machen und Impulse für Veränderung und Reflexion in der Gesellschaft zu geben.
Seit 2022 unterrichten Sie im Rahmen des Mathilde-Plank-Stipendiums für junge Professorinnen an der HTWG Konstanz u.a. Fotografie, Konzeption und Fototechnik. Eine Aufgabe und Tätigkeit, die Ihnen große Freude bereitet? Was ist Ihnen in der Vermittlung von Wissen wichtig, was bedeutet Ihnen der Austausch und was schöpfen Sie für sich selbst und Ihre künstlerische Arbeit aus dieser Tätigkeit?
Milena Schilling: Die Lehrtätigkeit an der HTWG Konstanz macht mir sehr viel Freude. Besonders der direkte Austausch mit den Studierenden ist für mich ein zentraler und sehr bereichernder Bestandteil dieser Arbeit.
In der Vermittlung von Wissen ist mir neben all den Grundlagen der Fotografie, der Technik und wie man diese zielführend in ein Konzept einarbeitet, vor allem wichtig, Bildkompetenz zu stärken – also die Fähigkeit, Bilder nicht nur technisch zu verstehen, sondern sie auch einzuordnen, zu lesen und ihre Wirkung zu reflektieren. Genau diese Fähigkeit, Bilder kritisch zu betrachten und ihre Bedeutung im jeweiligen Kontext zu erkennen, geht meiner Meinung nach in der heutigen, stark bildgeprägten Zeit oft verloren. Gleichzeitig spielt für mich das Verständnis von Bildwirkung eine große Rolle: Wie funktioniert ein Bild? Warum wirkt es auf eine bestimmte Weise? Und was passiert zwischen Bild und Betrachter?
Der Austausch mit den Studierenden ist dabei sehr inspirierend, weil er ein echtes Geben und Nehmen ist. Ihre oft noch sehr unvoreingenommene Herangehensweise an fotografische Themen bringt viel kreativen Input und eröffnet neue Perspektiven, die auch meine eigene künstlerische Arbeit bereichern. Gleichzeitig erinnere ich mich durch die Lehre immer wieder daran, dass es im kreativen Prozess nicht darum geht, alles zu überanalysieren oder zu zerdenken, sondern auch, dem intuitiven Handeln Raum zu geben – einfach zu machen und ins Arbeiten zu kommen.
Wo und wie finden Sie Inspiration für Ihre Arbeit und arbeiten Sie immer eher strukturiert und geplant oder eher intuitiv?
Milena Schilling: Meine Inspiration für Themen für meine freien Projekte finde ich im alltäglich Leben. Was meine Bildsprache betrifft, bin ich im Allgemeinen sehr inspiriert aus der Kunstgeschichte. Alte Malerei und Skulpturen haben mir es dabei besonders angetan.
Ich arbeite immer sehr konzeptionell und überlasse wenig dem Zufall. Ich plane alles sehr gezielt von An- fang bis Ende. Bei meinem Projekt „O R I G I O“war es mir wichtig, dass die Botschaft sowohl in den Fotos als auch durch den Druck bis hin zur Hängung deutlich wird. Der malerische und ursprüngliche Charakter der Fotos wird nicht nur alleine durch das genaue Planen, Verstehen des Sees und der guten Zusammenarbeit mit den Modellen erreicht, sondern auch dadurch unterstrichen, dass die Fotos nicht weiter bearbeitet wurden. Alle Fotos sind direkt „out of cam“. Auch die Art und Weise wie sie präsentiert werden, wie und wie groß sie gedruckt werden und wie sie angeordnet an der Wand hängen hat eine große Wirkung und unterstützt die Botschaft. Aber was ich auch immer wieder lernen muss: Auch wenn man vieles planen kann, braucht der Zufall trotzdem seinen Raum. Als ich mit dem Projekt anfing, wusste ich nicht, dass man nur von November bis März bei Wassertemperaturen von unter 12 Grad shooten kann und das ich dafür sogar einen Segelschein brauchte, Apnoetauchen und noch so viel mehr lernen musste, war mir, als ich die Idee hatte, auch nicht ansatzweise bewusst. Aber das Tolle daran: Man wächst mit seinen Projekten, und wenn man wirklich etwas will, dann schafft man das auch, denn den Mutigen gehört die Welt!
Mit Ihrer Ausstellung „O R I G I O“ in der Konstanzer Leica-Galerie haben Sie überregionale Beachtung erfahren, und auch wir sind dadurch auf Sie und Ihre Arbeiten aufmerksam geworden. Was verbirgt sich hinter „O R I G I O“? Was hat Sie dazu bewogen, dieses Projekt zu machen?
Milena Schilling: Wasser spielte schon immer eine große Rolle in meinem Leben. Ich verbringe gerne jede freie Minute im See und gehe jeden Morgen, bevor ich arbeite, erstmal eine Runde im See schwimmen. Eine Begegnung mit Walen im offenen Meer zeigte mir noch deutlicher, wie verbunden und wohl ich mich im Wasser fühle.
Als mir bewusst wurde, dass wir Menschen selbst zu 70-80% aus Wasser bestehen, wie auch unser Planet, und dieses Element lebensnotwendig für uns ist, es uns aber gleichzeitig auch unzähmbar und überlegen ist. Wasser ist der Ursprung des Lebens, und wir Menschen verbringen alle die ersten neun Monate im Mutterleib im Wasser. Dort sind wir frei von sozialen Konstrukten und alle gleich. Anhand dieser Erlebnisse und Gedanken beschloss ich, dieSerie„O R I G I O“ (=lat.Ursprung des Lebens) zu starten, denn wenn man sieht, was gerade alles in der Welt passiert, sollten wir uns öfter mal daran zurückerinnern, wo wir eigentlich herkommen und was uns verbindet. Denn jeder Mensch ist es wert, gleich und respektvoll behandelt zu werden.
Wie war der Prozess von der Idee bis zur Realisierung?
Milena Schilling: Das Projekt war insgesamt sehr aufwendig und komplex. In einem Zeitraum von drei Jahren habe ich das Projekt umgesetzt und arbeite an weiteren Serien auch weiterhin daran. Zum einen habe ich versucht, den Bodensee zu analysieren und zu verstehen. Wer schon einmal hier am See war, weiß, wie trüb er ist. Aber ab einer Wassertemperatur von unter 12 Grad wird er klarer – dann kommt es auf die Windrichtung an, wann es das letzte Mal geregnet hat, wann die verschiedenen Algen blühen und welche Wolken am Himmel stehen. Wenn all diese Faktoren stimmten, war ein Shooting so möglich, wie ich es mir vorgestellt hatte: mit einer relativ klaren Sicht im See und einem weichen, malerischen Licht. Oft konnte ich die Bedingungen erst einen Tag vorher abschätzen und musste alles sehr spontan planen. Insgesamt war ich mit 45 Menschen zwischen 18–73 Jahren im Wasser. Bei dem Projekt durfte unabhängig von Alter, Körperform etc. jeder, der Interesse hatte, teilnehmen. In meinem Skizzenbuch habe ich immer die Kompositionen, die in meinem Kopf entstanden sind, aufgezeichnet, um sie dann mit meinen Modellen zu besprechen. Inspiriert wurde ich durch Malereien und Skulpturen aus der Renaissance und dem Barock. Nachdem wir uns alle getroffen hatten, haben wir zuerst alles an Land geprobt – die finale Komposition des fertigen Fotos und die dazugehörigen Choreographien mit den ent- sprechenden Tauchwegen zur finalen Position. Am Anfang bin ich mit den Models vom Ufer aus in den See gegangen, habe aber schnell gemerkt, dass es von einem Boot aus besser wäre – und habe deshalb extra den Segel- und Motorbootschein gemacht. Also organisierte ich zusätzlich zu den Modellen ein Boot und eine Crew. Nach den Proben an Land sind wir auf den See hinausgefahren und haben dort die letzten Feinheiten besprochen. Dann ging es für mich als Erstes ins Wasser, um die passende Stelle für die Fotos zu suchen. Denn auch der Untergrund, ob Sand, Algen oder tiefes Wasser und wie dieser zu welcher Tageszeit mit dem Sonnenstand erscheint, war eine wichtige Komponente in meinen Fotos. Die Sommermonate nutzte ich, um den See und seinen Boden zu erkunden, um die passenden Orte zu den Ideen in meinem Kopf zu finden. Als wir dann mit dem Boot die jeweils richtige Stelle gefunden hatten, ging es für mich zunächst ins Wasser, um die passende Stelle für die einzelnen Per- sonen an dieser Stelle zu definieren. Dann kamen meine Models ins Wasser und dann ging alles ganz schnell: Metamorphosis
Alle schwammen auf ihre Positionen, der Skipper an Bord fing an zu zählen, und die Choreographie begann. Ich habe extra Apnoetauchen gelernt, um lange genug unter Wasser zu bleiben und den perfekten Moment zu erwischen, wenn meine Models in der Endposition waren. Aus technischen Gründen konnte ich nur ein Foto pro Tauchgang machen – entweder ich kam am Ende des Tages mit einem Foto nach Hause oder nicht. Der Zeitaufwand für ein einzelnes Bild betrug oft bis zu 9 Stunden, wobei die Models aufgrund der Wassertemperatur oft nur 3–5 Minuten im Wasser waren. Danach wurde sich direkt an Bord aufgewärmt und es ging zurück in den Hafen. Erst zu Hause am Rechner konnte ich dann das Ergebnis sichten und wusste, ob sich der ganze Aufwand gelohnt hatte oder nicht.
Wie geht es mit „O R I G I O“ weiter ... Sie werden in Arles ausgestellt?
Milena Schilling: Das gesamte Projekt „O R I G I O“ selbst ist noch nicht abgeschlossen. Ich arbeite nach wie vor daran weiter. Die zwei bereits bestehenden Serien von „O R I G I O“ werden dieses Jahr in weiteren Galerien in Deutschland zu sehen sein und von Juli bis Oktober während des Rencontre d’Arles im Rahmen des DIOR Award for Photography and Visual Arts im Luma in Arles gezeigt. Für Anfang nächstes Jahr ist eine Ausstellung im Maison Européenne de la Photographie in Paris geplant.
Das Auge spielt eine wichtige Rolle im Leben von Fotograf:innen, was auch unser Cover mit ihrem Selbstporträt perfekt unterstreicht. Was ist der Hintergrund zu diesem Selbstporträt?
Milena Schilling: Das Selbstporträt hat den Titel „Augenmensch“. Ich bin sehr visuell geprägt. Als Fotografin ist das Auge mein Hauptarbeitswerkzeug, deshalb ist dieses im Fokus und rot angeleuchtet. Ich selbst bleibe dabei im Hintergrund und bin nicht zu sehen, aber wer die Fotos betrachtet, kann die Welt durch meine Augen sehen. Die grundlegende Idee des Selbstporträts war es, mich als Fotografin – aber ohne mein offensichtliches Werkzeug: die Kamera – zu zeigen. Denn ich finde, die Kamera und die ganze Technik sind nur Mittel zum Zweck. Das Wesentliche und der größte Teil der Arbeit als Fotografin passiert schon beim Se- hen.
Das Gespräch führte Kai Geiger
