Mark Sealy | Triennale © Philipp Meuser

Wir sprachen mit dem Künstlerischen Leiter Mark Sealy

Die Triennale steht unter dem Leitmotiv „Alliance, Infinity, Love – in the Face of the Other“. Wie übersetzen Sie diese eher philosophischen Begriffe konkret in Ausstellungen und künstlerische Positionen?

Mark Sealy: Es geht uns nicht um eine reine Übersetzung, sondern um ein unvollendetes Gespräch, einen Dialog mit den Konzepten, der nicht unbedingt die erwarteten Antworten liefert. Die Besucher*innen sollen darüber nachdenken, was der Titel „Alliance, Infinity, Love – in the Face of the Other“ im Zusammenhang mit den einzelnen Projekten der Künstler*innen bedeuten könnte. Sie sind eingeladen, sich vollkommen unvoreingenommen an diesem Dialog zu beteiligen – deshalb gibt es auch keine konkreten Vorgaben.

Welche Rolle spielt „das Gegenüber“ – also „the Other“ – in einer Zeit zunehmender gesellschaftlicher Polarisierung für Sie als Kurator?

Mark Sealy: In einer Zeit zunehmender Polarisierung bin ich „der andere“. Ich spiele keine Rolle, es ist keine Performance. In meine Arbeit als Kurator lasse ich immer auch meine persönliche Erfahrung einfließen. Aus kuratorischer Sicht setze ich mich ausgesprochen ausführlich und auf sehr individuelle Weise mit Prozessen des „Othering“ auseinander.

Kurator:innen stehen nicht erst seit dem Antisemitismus-Eklat an der Documenta 15 oder der Absage und Einstellung der Biennale für aktuelle Fotografie 2024 in Mannheim unter kritischer Beobachtung. Was bedeutet „Verantwortung“ für Sie im kuratorischen Prozess – gegenüber Künstler:innen, Publikum und den dargestellten Themen?

Mark Sealy: Mich interessieren Rechte und Repräsentation. Das ist Teil meiner DNA als Kurator. Unsere Arbeit ist komplex, und Kurator:innen haben kein Monopol darauf, alles richtig zu machen. Außerdem finde ich es wichtig, dass Menschen auch Fehler machen dürfen. Wie sonst sollen wir etwas lernen? Mein Beitrag kann darin bestehen, möglichst gleichberechtigte Voraussetzungen zu schaffen, den Anspruch der Menschen auf Gerechtigkeit und den Zugang zu Plattformen zu unterstützen sowie den Unterdrückten und Vergessenen eine Stimme zu geben. Diese große Verantwortung tragen wir alle im Kunstbetrieb.

Was war die größte Herausforderung bei der Konzeption der diesjährigen Triennale?

Mark Sealy: Es ist immer eine Herausforderung, große stadtweite Veranstaltungen mit vielen Beteiligten auf die Beine zu stellen. Die Stadt Hamburg ist dieser Herausforderung mehr als gerecht geworden. Eine eindrucksvolle Leistung.

Was bedeutet für Sie Fotografie und wie hat sich Ihr Blick auf Fotografie im Laufe ihrer Karriere verändert?

Mark Sealy: Für mich ist die Fotografie, wie ich schon gesagt habe, eine moderne Sprache. Mein Blick auf die Fotografie hat sich nicht verändert. Allerdings verändert sich das, was wir damit sagen wollen, wenn wir immer wieder unsere Lernerfahrungen als aktive Individuen einbringen.

Was wünschen Sie sich, dass Besucher:innen nach dem Besuch der Triennale sehen oderhinterfragen?

Mark Sealy: Kurz gesagt sollen die Besucher:innen die Ausstellung mit dem Gefühl verlassen, dass sie sich nicht vor den Dingen fürchten müssen, die sie nicht verstehen. Ich wünsche mir, dass in allen präsentierten Beiträgen tatsächlich der kuratorische Akt des Muts und der Weitherzigkeit zum Ausdruck kommt.