© Anna Drvnik

Green Touring


Green Touring gewinnt im Musikbusiness rasant an Bedeutung und entwickelt sich vom optionalen Nachhaltigkeitstrend zu einem zentralen Qualitätsmerkmal professioneller Tourplanung. Während Künstlerinnen und Künstler sowie ihre Teams früher vor allem Effizienz, Budget und Produktionstechnik im Blick hatten, rücken heute Klima- und Umweltfragen ebenso in den Fokus. Gründe dafür sind gestiegenes gesellschaftliches Bewusstsein, neue gesetzliche Rahmenbedingungen und nicht zuletzt die Erwartungen eines Publikums, das zunehmend Wert auf verantwortungsbewusste Kulturproduktion legt.

Svante Söderqvist Portrait © Miki Anagrius

INTERVIEW
Wir sprachen mit Jakob Fraise von der jazzahead! und dem schwedischen Musiker Svante Söderqvist.

Was waren Ihre Beweggründe, der „Game Changer“, sich mit dem Thema Nachhaltigkeit zu beschäftigen?

Svante Söderqvist: In Schweden war der Sommer 2018 für mich ein echter Wendepunkt. Wir hatten damals 6–7 Wochen lang eine endlose Hochdruckperiode mit Temperaturen von 30–35 Grad Celsius, was zu vielen Waldbränden führte. Das war echt niederschmetternd und hat mir klar gemacht, dass mit unserem Klima was nicht stimmt. Mir wurde bewusst, dass ich Teil der Lösung sein muss, anstatt einfach weiterzumachen wie bisher.

Seitdem habe ich, um meine Angst davor zu bewältigen, meine Flugreisen auf ein absolutes Minimum reduziert, ich fahre mit dem Zug statt mit dem Auto, ich fahre mit dem Fahrrad und nutze in Stockholm den öffentlichen Nahverkehr, ich versuche, meinen Konsum zu minimieren und kaufe hauptsächlich Secondhand-Kleidung, und ich ernähre mich jetzt überwiegend vegetarisch.

© Anna Drvnik

Wie war Ihr Zugang zu dem Thema, wo haben Sie sich wie informiert?

Svante Söderqvist:
Über Informationen aus nationalen Nachrichten und wiederholten Warnungen von nationalen und internationalen Wissenschaftlern und Umweltorganisationen. Meiner Meinung nach sind sich sowohl die „grünen“ Politiker als auch unter anderem die UNO einig, dass die Klimasituation derzeit wirklich kritisch ist und dass die ganze Welt Maßnahmen ergreifen muss. Ich habe grundsätzlich das Gefühl, dass ich das Risiko nicht eingehen kann, nicht alles zu tun, was in meiner Macht steht.

Was hat sich seitdem für Sie verändert, auf was achten Sie, was ist Ihnen wichtig?

Svante Söderqvist:
Ich versuche, meinen Fokus mehr als bisher auf die immateriellen Aspekte des Lebens zu rich- ten. Ich versuche, mich als Musiker und Komponist weiterzuentwickeln und neugierig zu bleiben, weiterhin neue Kooperationen (wie die mit Tuulikki) zu starten und meinen Erfolg nicht nur an coolen Tourneen und Konzerten zu messen, sondern mehr an den Möglichkeiten, mit inspirierenden Menschen zusammenzuarbeiten.

In meinem Privatleben möchte ich mich auf die Beziehungen zu meiner Familie und meinen Freunden konzentrieren, Bücher lesen, Kultur konsumieren und neue Fähigkeiten entwickeln, wie zum Beispiel das Renovieren eines alten Holzhauses und die Wartung meiner Fahrräder. Diese Dinge haben mein Leben tatsächlich viel reicher gemacht, als wenn ich mich nur darauf konzentriert hätte, Dinge zu konsumieren, um glücklich zu werden.

Wie sind Sie auf CooProg aufmerksam geworden und mit Jakob in Kontakt gekommen?

Svante Söderqvist:
CooProg hatte eigentlich am Anfang nichts mit der Zusammenarbeit und meinem Auftritt auf der jazzahead! zu tun. Wir hatten mit der Band einen offiziellen Showcase-Auftritt auf der jazzahead! 2025 und zur gleichen Zeit hatten Maria Rylander (GAC/Knutpunkt in Göteborg, Schweden) und Jakob Fraise mich kontaktiert und mir eine Deutschlandtournee im Frühjahr 2026 angeboten, die von ihnen in Zusammenarbeit mit der Band organisiert wurde, um CooProg praxisbezogen zu testen, wo ich gerne dabei war.

jazzahead! Jakob Fraise © Jens Schlenker

Im letzten Jahr haben Sie das CooProg mit einem Testvorlauf auf der jazzahead! lanciert. Wie waren das Interesse und die Reaktionen?

Jakob Fraise: Es gibt immer ein paar „Early Adopter“, die neugierig sind und Lust haben, in einer solchen Pilotphase dabei zu sein, auch wenn das Tool noch nicht ausgereift war. Diese Spielstätten hatte wir also schon im Vorlauf involviert. Auf der jazzahead! selbst und bei den nachfolgenden Präsentationen gab es dann viel Interesse, gerade von Veranstalter:innen. Teilweise mussten wir unsere Vorträge doppelt halten, weil die Räumlichkeiten nicht groß genug waren. Einige Skeptiker:innen hat man natürlich immer, ein paar davon konnten wir bereits überzeugen, einige beobachten das Geschehen noch aus sicherer Distanz.

Geben Sie uns einen kleinen Einblick in CooProg. Für wen ist CooProg entwickelt worden und wie funktioniert es?

Jakob Fraise: Es ist ein Tool, das gerade Veranstalter:innen und Festivalmacher:innen ermöglicht, kollaborativ zu arbeiten und sozial, ökologisch und ökonomisch nachhaltige Tourneen zu organisieren. Es minimiert den Kommunikationsaufwand und hilft, ein zeit- und kilometersparendes Routing zu erstellen.

Wie hat sich CooProg seit der letzten jazzahead! weiterentwickelt?

Jakob Fraise:
Das Tool selbst war bereits zur jazzahead! „marktreif“ und wird jetzt genutzt. Es füllt sich mit Leben, ein Netzwerk entsteht. Die neu geschaffene „Music“-Variante hat es in nicht einmal einem Jahr zu über 330 Venues und Festivals geschafft. Die Tour von Svante Söderkvist mit acht Auftritten und einer Masterclass in ganz Deutschland wurde beispielsweise durch das Tool ermöglicht. Wir haben sein Konzert bei der jazzahead! auf die Plattform gestellt und einige Veranstalter:innen sind dann über das Toul der Tour „beigetreten“. Momentan haben

wir alle unsere Showcase-Konzerte auf der Plattform und einige von ihnen haben durch das Tool Erweiterungen erfahren, sodass kleine Touren durch CooProg überhaupt erst entstehen.

Das Thema beschäftigt die jazzahead! weiter. Was sind die nächsten Schritte und Tools?

Jakob Fraise:
Wir präsentieren das Tool weiter, wo wir nur können, demnächst beispielsweise auf der Dialog Pop und im Herbst voraussichtlich auf der „Time To Listen“-Konferenz, wir gehen hier also auch ganz bewusst über Genregrenzen. Wir versuchen weitere Veranstalter:innen davon zu überzeugen, ihre Konzerte auf CooProg anzulegen und anderen Spielstätten das kollaborative Arbeiten zu ermöglichen. Außerdem gucken wir bereits nach links und rechts: Was gibt es für andere Tools, die sich vielleicht nicht nur an Veranstalter:innen, sondern auch an andere Zielgruppen richten? Wie kompatibel sind solche Tools mit CooProg, wäre eine Erweiterung denkbar? Gerade auch die rasante Entwicklung von KI, welche beispielsweise im Tourbus. AI-Projekt genutzt wird, verfolgen wir interessiert und sind hier in ersten Kooperationsgesprächen.

© Kai Geiger

Nachhaltigkeit in der Live-Branche
Green Touring Initiative der jazzahead! 2025


Nachhaltigkeit in der Livemusik-Branche – nicht bloß durch die Tourneen von Stadion- Bands wie Coldplay ein viel diskutiertes Thema. Festivals und Clubs bemühen sich, Müll einzusparen und weniger Energie für Licht- und Soundanlagen zu verbrauchen. Was zuweilen übersehen wird: welche Strecken die Künstler:innen zwischen den Konzerten zurücklegen.

„Ökologisch ergibt es wenig Sinn, wenn eine Band aus Spanien nur zur jazzahead! nach Deutschland reist“, sagt Sybille Kornitschky, Leiterin der weltweit größten Jazz-Fachmesse in Bremen. „Wir als jazzahead! möchten aktiv dazu beitragen, Tourneen generell nachhaltiger zu gestalten. Besonders mit unserem Tool für Green Touring namens CooProg Music, das wir aktuell mithilfe unseres französischen Partners Zone Franche entwickeln.“ Die Ergebnisse einer achtmonatigen Experimentierphase mit CooProg Music werden der Öffentlichkeit auf der jazzahead! 2025 präsentiert.

Bis dahin ist das jazzahead!-Team nicht untätig geblieben – und startete eine Green Touring Initiative. Die jazzahead! wird Interessierte verbinden, um nachhaltige und effiziente Touren zu koordinieren. Alle Partner:innen werden Teil des Green Touring Networks und dürfen das neue Gütesiegel jazzahead! Jury Selection 25 verwenden. Etablierte Festivals und Clubs, aber auch alle anderen Bühnen, zum Beispiel auch im ländlichen Raum, bekommen so die Gelegenheit, ihrem Publikum die Jazz-Headliner von morgen zu zeigen, die auf der Fachmesse dem internationalen Publikum präsentiert werden. Die jazzahead! bietet teilnehmenden Veranstalter:innen eine freie Registrierung für Messe und Festival und Unterstützung nahmen zur Tour-Promotion.

Im Oktober 2024 hat in Stockholm die erste von der jazzahead! organisierte Green Pilot Tour (ein Projekt des Europe Jazz Network EJN) stattgefunden, mit der griechisch-deutschen Bassistin Athina Kontou und ihrem Projekt Mother. Kontou, in Frankfurt geboren und 2023 Showcase-Star der jazzahead! und für einen Deutschen Jazzpreis nominiert, hat im Rahmen ihrer grünen Tour acht Konzerte in Schweden geben. Dabei reiste die Künstlerin ausschließlich mit dem Zug und engagierte sich mit ihrem Quartett im Rahmen der Konzerte und in Workshops für das Thema Nachhaltigkeit.

Detailliertes Fachprogramm unter www.jazzahead.de

jazzahead! 2024 Außengelände open air © M3B GmbH Jan Rathke

Wir sprachen mit Jakob Fraisse, der bei der jazzahead! für das Thema Green Touring zuständig ist.

Das Thema Klima ist in aller Munde und ganz unterschiedlich besetzt. Spätestens seit der Schaffung der Anlaufstelle für Green Culture der Bundesregierung im September 2023 hat das Thema Klima die Kultureinrichtungen erreicht. Sie haben im Oktober 2014 das Green Touring Network der jazzahead! ins Leben gerufen, das ein Teil einer neuen kooperativen Booking Initiative sein soll. Wie kam es dazu, was beinhaltet die Initiative und welche Ziele verfolgen Sie?

Jakob Fraisse: Nachhaltigkeit in der Livemusik-Branche ist nicht nur bloß durch die Tourneen von Stadion-Bands wie Coldplay ein viel diskutiertes Thema. Festivals und Clubs bemühen sich seit Jahren zunehmend, Müll einzusparen, weniger Energie für Licht- und Soundanlagen zu verbrauchen und vieles mehr. Was aber lange übersehen wurde: welche Strecken die Künstler:innen zwischen den Konzerten zurücklegen und welchen Impakt Mobilität von Besucher:innen auf den ökologischen Fußabdruck von Veranstaltungen hat. Bei der Frage der Mobilität von Künstler:innen setzen wir mit unserer Initiative an. Unser Ziel ist es dabei, wegzukommen vom Solo-Gig, hin zu längeren Tourplanungen entlang von sinnvollen Routen.

Unsere DNA bei der jazzahead! ist es, in Netzwerken zu denken. Das kooperative Booking baut ebenfalls auf Netzwerke auf. Diese müssen bestmöglich miteinander und untereinander kommunizieren. Und das wiederum ist die initiale Idee hinter einem digitalen Tool, was genau das ermöglichen soll, nicht nur in Deutschland, sondern europaweit und irgendwann sogar darüber hinaus. Mit einem Green Touring Tool bieten wir Veranstalter:innen die Möglichkeit, sich mittels einer intelligenten Tourplanung aktiv an der Reduzierung des CO2-Ausstoßes zu beteiligen.

Wir waren nicht alleine mit dieser Idee, sondern sind bei unserer Recherche schnell auf unseren französischen Partner ONDA (das nationale französische Büro für die Verbreitung zeitgenössischer darstellender Kunst) gestoßen, der eine derartige Idee bereits im Bereich der Performing Arts entwickelt hatte. Mit unserem aktuellen Partner Zone Franche (Netzwerk für Global Music) sind wir auf Gleichgesinnte gestoßen, die für den Bereich der aktuellen Global Music die gleichen Zielvorstellungen hatten.

An wen oder was richtet sich Ihre Initiative?

Jakob Fraisse: An alle Veranstalter:innen in Städten und ländlichen Räumen in Deutschland und Frankreich und mittelfristig auch in ganz Europa. Letzteres gilt, wenn wir es schaffen, im nächsten Schritt eine EU-Förderung für unser Vorhaben zu erhalten. Natürlich wenden wir uns dabei an Clubs und Festivals, aber eben auch an kleinere Bühnen, die sonst gar nicht oder nur selten Teil von Tourplanungen waren. So gesehen ist es auch eine Idee, Kultur in ländlichen Räumen zu stärken.

Sie bieten ein Green Touring Tool an. Was muss man sich darunter vorstellen und welche Maßnahmen beinhalte das Tool hinsichtlich Transporte & Travel, Energie, Licht & Sound und im Bereich der Kommunikation?

Jakob Fraisse: In einem langen Prozess haben wir diese und andere Fragen im Zuge eines Arbeitsprozesses mit Veranstalter:innen, die sich als Pilots bereiterklärt haben, daran mitzuwirken, versucht zu beantworten. Aktuell befinden wir uns in der Programmierphase und freuen uns, dass das Ergebnis bei der jazzahead! erstmalig präsentiert werden kann.

Wer sind ihre Partner:innen im Netzwerk?

Jakob Fraisse: Für das Green Touring Tool arbeiten wir mit unseren französischen Partnern Zone Franche – Le Réseau Des Musiques Du Monde und ONDA – Office national de diffusion artistique zusammen.

Wo stehen Sie rund einen Monat vor der jazzahead! mit Ihrer Initiative und wie wird das Thema auf der jazzahead! dargestellt und thematisiert?

Jakob Fraisse: Die Initiative Green Touring Network befindet sich derzeit noch im Aufbau und setzt sich noch aus eher „handverlesenen“ Partnern zusammen. Der Ausbau dieses Netzwerks soll vor allem in der nächsten Projektphase vorangetrieben werden, dann aber mithilfe eines Tools.

Ihre Gedanken gehen sicherlich auch in das Innenleben der jazzahead! und der Messe Bremen. Welche Maßstäbe setzen Sie für die diesjährige und zukünftige Aufgaben der jazzahead! hinsichtlich ihres CO2-Fußabdrucks an?

Jakob Fraisse: Zunächst versuchen wir, deutlich weniger Werbemittel zu produzieren, die dann im Nachgang der jazzahead! weggeschmissen werden müssten. Wir reduzieren die Auflage unserer eigenen Programmbroschüre und verlagern unsere Kampagnen zunehmend in den Bereich des Online-Marketings. Auch auf gedruckte Einlagen in unserer (nachhaltig produzierte) jazzahead!-Tasche werden wir weitestgehend verzichten.

Wir achten zudem auf die Einlagerung und Wiederverwendung von Schildern, Bannern und anderen Druckerzeugnissen. Mit unseren Gastronomen haben wir vertragliche Regelungen, die sie dazu anhalten, auf Wegwerfgeschirr zu verzichten und generell so wenig Plastik wie möglich zu verwenden. Und schließlich gibt es natürlich die thematische Auseinandersetzung im Rahmen unseres Fachprogramms in zahlreichen Präsentationen, Panels und Workshops.

Wie geht es nach der jazzahead! weiter, damit diese sehr wichtige Initiative nicht verpufft?

Jakob Fraisse: Im nächsten Schritt soll es um die Verbreitung des Tools gehen. Dieses Vorhaben werden wir über die nächsten Jahre verfolgen und sicherstellen, dass das Tool flächendeckend in Anwendung kommt.