Sindelfingen
NO PLACE LIKE HOME
ITALIENISCHE FOTOGRAFIE SEIT DEN 1980ER JAHREN
01.02.2026–16.08.2026
Das SCHAUWERK Sindelfingen zeigt unter dem Titel NO PLACE LIKE HOME eine sehenswerte Überblicksausstellung zur Entwicklung der italienischen Fotografie seit den 1980er Jahren. Die in Kooperation mit dem IKS Photo Düsseldorf entstandene Schau präsentiert rund 300 Arbeiten von 42 Fotograf:innen. In der Poesie des Alltags erfassen sie soziale wie gesellschaftliche Verflechtungen, entlarven und reflektieren die imperiale Vergangenheit ihres Heimatlandes und hinterfragen kritisch das Medium der Fotografie: mal traditionell, mal konzeptionell, immer berührend und fernab der Klischees von „Dolce Vita“ und „Bella Italia“. Zugleich zeichnet die Ausstellung nach, wie sich die Fotografie schrittweise aus dem Schatten der etablierten Kunstformen löste und sich als autonome künstlerische Praxis behauptete.
Wie ganz Europa erlebte auch Italien nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs tiefgreifende Umbrüche: Der wirtschaftliche Aufschwung in den 1950er- und 1960er-Jahren veränderte die Landschaft und den urbanen Raum nachhaltig, gefolgt von sozialen Spannungen und politischen Konflikten in den 1970er-Jahren. In diesem Kontext und im Umfeld von Neorealismus und Arte Povera entwickelte sich eine künstlerische Fotografie, die zunehmend eigene Wege ging.
Guido Guidi und Luigi Ghirri zählen zu den international einflussreichsten Fotografen Italiens. Sie prägten in den 1980er-Jahren maßgeblich die sogenannte „Fotografie der Orte“, die einen neuen Blick auf ländliche und städtische Räume warf. Viele Arbeiten dieser Zeit untersuchen die Beziehungen zwischen Menschen und ihren Lebensräumen und verbinden persönliche Erfahrungen mit historischen und kollektiven Erinnerungen. Diese Rückbesinnung auf das Dokumentarische ging mit einer Erneuerung der fotografischen Tradition einher.
Die wirtschaftliche Dynamik des fortgeschrittenen Kapitalismus und die ersten Auswirkungen der Globalisierung führten in den 1990er-Jahren zu einer thematischen Verschiebung. Fotograf:innen wie Marina Ballo Charmet, Paola De Pietri, William Guerrieri oder Paola Di Bello richteten ihren Fokus zunehmend auf urbane Räume, Prozesse des Identitätsverlusts sowie soziale Fragestellungen.

Ausstellungsansicht NO PLACE LIKE HOME Foto: Frank Kleinbach
Zu Beginn des neuen Jahrtausends bildeten verschiedene Krisen einen Nährboden für neue fotografische Ansätze und künstlerische Strategien. Soziale Ungerechtigkeiten im Land, Forderungen nach Gleichberechtigung der Geschlechter oder Fragen der Migration schufen einen neuen kulturellen Rahmen und brachten eine junge Generation von Fotograf:innen hervor: Marcello Galvani, Francesco Neri, Luca Nostri, Allegra Martin und Cesare Fabbri. Sie verstanden sich als Vertreter einer langen künstlerischen Tradition und wandten sich dem urbanen Raum in der Provinz zu.
In der jungen italienischen Fotografie wird deutlich, dass Fotograf:innen wie Francesca Iovene, Carmen Colombo, Matteo Di Giovanni, Tomaso Clavarino, Giulia Agostini, Federico Clavarino und Iacopo Pasqui einen freieren Umgang mit Erzählstrukturen rund um die Themen Individualität, Community und Diversität propagieren. In den oft biografisch geprägten Serien vernachlässigen sie die erzählerische Abfolge von Bildern zugunsten einer
Aneinanderreihung einzelner figurativer Elemente, die mit symbolischen Werten ihrer Generation aufgeladen sind. Dabei setzen sie sich kritisch mit dem Begriff von Heimat und der eigenen Herkunft auseinander.
Die Ausstellung wird im SCHAUWERK Sindelfingen in einem ehemaligen, rund 15 Meter hohen Hochregallager präsentiert, das durch eine rundumlaufende Rampe begehbar ist. Besucherinnen und Besucher bewegen sich durch einen Parcours der italienischen Fotografie, der chronologisch nach Jahrzehnten angelegt ist und zugleich immer wieder spannungsreiche Blickbezüge zu Werken anderer Jahre eröffnet.

Alessandra Dragoni, Terrace, Ravenna, 2019
