Kalle Kalima

Kalle Kalima, geboren 1973 in Helsinki, Finnland, ist ein Jazzgitarrist, Bandleader und Komponist, der sich durch seine Vielseitigkeit, seinen erfindungsreichen Stil und seine Bereitschaft, musikalische Grenzen zu überschreiten, einen Namen gemacht hat. Trotz finnischer Wurzeln ist Kalima seit vielen Jahren ein fester Bestandteil der Berliner Jazzszene und hat sich international einen Ruf als innovativer Musiker erarbeitet.

Sein musikalischer Ansatz ist schwer in eine Schublade zu stecken. Er bewegt sich fließend zwischen traditionellem Jazz, freier Improvisation, Rockelementen und sogar Anklängen an finnische Volksmusik. Kalima ist nicht nur ein Meister der Gitarre, sondern auch ein Klangforscher, der oft Effekte und unkonventionelle Spieltechniken einsetzt, um einzigartige und atmosphärische Klanglandschaften zu schaffen. Seine Musik kann mal sanft und melodisch, mal energiegeladen und experimentell sein, immer aber ist sie von einer tiefen Musikalität und einer ausgeprägten persönlichen Handschrift geprägt.

Kalle Kalima ist bekannt für seine zahlreichen Projekte und Kollaborationen. Dazu gehören Bands wie „Klima Kalima“, ein Trio, das für seine dynamischen und komplexen Kompositionen bekannt ist, oder „KUU mit J. Kuljie“, eine finnische Rockband, die Kalimas experimentelle Seite Kalima unser Gesicht wird. Wir baten ihn um mögliche Namenspaten, woraufhin er zeigt.

Er hat mit einer Vielzahl international renommierter Musiker zusammengearbeitet, was seine Offenheit für unterschiedliche musikalische Kontexte unterstreicht.

Neben seiner Arbeit als Gitarrist und Bandleader ist Kalima auch ein produktiver Komponist. Seine Kompositionen sind oft strukturiert und durchdacht, lassen aber immer viel Raum für Improvisation und spontane Interaktion mit seinen Mitmusikern. Er schafft es, komplexe musikalische Ideen auf eine Weise zu vermitteln, die sowohl anspruchsvoll als auch zugänglich ist.

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Kalle Kalima ist ein Künstler, der den Jazz ständig neu interpretiert und erweitert. Seine Musik ist eine Einladung, sich auf unerwartete Klangreisen zu begeben und ein Beweis dafür, dass Jazz als Genre lebendig und wandlungsfähig ist.

Wir sind Kalle Kalima das erste Mal in der Landesvertretung von Bremen in Berlin begegnet, als er das Gastland der jazzahead! 2017, Finnland, im Rahmen einer Pressekonferenz musikalisch repräsentierte. Seitdem haben wir ihn mehrmals zusammen mit Andreas Schaerer gehört und in Konzertformaten des Kantors, Komponisten und Organisten Andreas Behrendt aus Perleberg, bei spannenden improvisatorischen Zusammentreffen von klassischen Vokalsolisten, Orgel und der E-Gitarre, erlebt. Als die Wahl auf die Gitarre als Instrumentenpate für unsere Ausgabe 2026 fiel, war es kein langes Überlegen, dass Kalle Kalima unser Gesicht wird. Wir baten ihn um mögliche Namenspaten, woraufhin er Jimi Hendrix, Wes Montgomery und Allan Holdsworth in dieser Reihenfolge nannte. Und auch da gab es kein langes Überlegen. JIMI sollte die neue Ausgabe heißen.

Jimi Hendrix war einer der einflussreichsten Gitarristen der Rockgeschichte. Mit seinem innovativen Spiel, dem Einsatz von Verzerrung und Feedback sowie seiner außergewöhnlichen Bühnenpräsenz prägte er die Musik der späten 1960er-Jahre. Songs wie „Purple Haze“, „Hey Joe“ und „Voodoo Child“ machten ihn weltweit bekannt. Trotz seiner kurzen Karriere gilt Hendrix bis heute als Legende und Vorreiter moderner Gitarrenmusik.


Wir sprachen mit Kalle JIMI Kalima

Sie sind einer der gefragtesten Jazzgitarristen in Europa. Wie kam Kalle Kalima zur Musik und war die Gitarre das Instrument der ersten Wahl?

Kalle Kalima: Mit fünf Jahren habe ich mit Klavierunterricht begonnen und im Alter von 11 Jahren mit dem Gitarrenspiel, weil ich mich eher für E-Gitarre interessierte. Als Teenager in den 1980er-Jahren interessierte ich mich im Gegensatz zu vielen Gleichaltrigen, die eher Heavy Metal oder Pop hörten, für klassische Rockmusik. Meine frühen Einflüsse waren die Beatles, Pink Floyd, Jimi Hendrix, John McLaughlin und Wes Montgomery.

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Wann, wo und wie bekommt Kalle Kalima Inspiration für seine Musik?

Kalle Kalima: Meine Inspiration kann überall kommen. Ich sitze viel im Zug (wie jetzt), weil ich zu vielen Konzerten mit dem Zug fahre. Dann komponiere und übe ich auf der Zugfahrt. Da muss man sehr leise spielen, E-Gitarre ohne Verstärker ist zum Glück sehr leise. Der beste Ort zum Komponieren und Üben ist dennoch mein Proberaum, weil ich dort meine Verstärker habe und ich in meinen Sound richtig eintauchen kann. Manchmal kommt die Inspiration zum Beispiel beim Langlaufen in Finnland (letzte Woche waren wir da mit meiner Frau unterwegs). Inspiration kann auch ein gutes Buch, Theaterstück, ein Film oder ein sonstiger emotionaler Anlass bringen. Spannend wird es, wenn man nicht richtig inspiriert ist und trotzdem komponiert. Das ist Arbeit und auch wichtig.

Sie spielen in ganz vielen verschiedenen Konstellationen, Genres und Formaten und können sich überall mit einer Leichtigkeit hineinfühlen und begeistern. Ihnen wird in allen Kritiken ein geniales Improvisationstalent bescheinigt. Hat das Instrument das Improvisationstalent in Ihnen geprägt oder haben Sie Ihr Instrument dahingehend geprägt und es übersetzt Ihre Gedanken?

Kalle Kalima: Das ist ein sehr schönes Kompliment und vielleicht sogar etwas übertrieben. Ich spiele seit 41 Jahren Gitarre und habe immer als Ziel gehabt, meine innere musikalische Welt über mein Instrument auszudrücken. Es stimmt, dass ich mit ganz unterschiedlichen Besetzungen spielen durfte, und das hat meine Flexibilität gefördert. Ich improvisiere und komponiere täglich und mache mir viele Gedanken, wie ich das immer besser machen könnte. Improvisation ist Komponieren in der Jetztzeit. Beim Komponieren und Improvisieren geht es für mich darum, Ideen in einem vernünftigen Zusammenhang zu präsentieren und die Ideen so zu variieren, dass eine Geschichte (manchmal ein abstrakte Geschichte) entsteht. Ich bin sehr offen und liebe ganz unterschiedliche Musikstile. Ich versuche meine Stimme in unterschiedlichen Spielsituationen so zu platzieren, dass sie etwas Sinnvolles dazu beiträgt. Es ist ein immerwährendes Experiment. Übernächste Woche spielen wir mit dem B’Rock Ensemble (Barockensemble aus Belgien) mein Arrangement von Bachs Johannes Passion in Holland mit Akrobaten der Tall Tales Company. Es gibt kein Vorbild dazu. Das gibt auch Freiheit, vielleicht sogar Narrenfreiheit. Heute spiele ich in Hamburg akustische Gitarre mit Achim Kauffmann am Klavier und dann noch mit Gabriel Coburgers Trio elektrische Gitarre am zweiten Teil des Abends. Ich liebe diese Herausforderungen, sie pushen mich weiter. Ich will täglich in Musik baden und so dieses Universum erkunden. Ich bin aber nicht sehr selbstkritisch, sonst könnte ich solche verrückten musikalischen Spagate gar nicht machen. Strenge, sofortige Bewertung kann gewisse Ideen zu früh töten. Manches muss über die Zeit wachsen.

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Welche Musiker:innen sind Vorbilder, welche die wichtigsten Lehrmeister:innen im Leben von Kalle Kalima?

Kalle Kalima: Es gibt unglaublich viel inspirierende Musik auf der Erde. Deshalb ist es schwer, einzelne Namen zu nennen. Miles Davis, John Coltrane, Wes Montgomery, Aretha Franklin, Jimi Hendrix, Pink Floyd, Joni Mitchell und Johann Sebastian Bach sind einige meiner größten Idole neben unzähligen anderen.

Sie sind einmal als Priester der Gitarre bezeichnet worden. In der Tat sind Sie neben einer Kirche aufgewachsen. Wie hat Sie das Glockenläuten, die Orgel und der Gesang, die Nähe zur Kirche und die Kirchenmusik als Kind und bis heute beeinflusst?

Kalle Kalima: Lustigerweise war ich gerade letzte Woche in Finnland in Askola in dem Haus neben der Kirche. Das ist eine alte Kantorei und gehört meiner Familie seit 300 Jahren. Ich fand es immer spannend, wenn die Musik noch mehr als Klang ist. Kirchenmusik ist rituelle Musik, und die Musik kann eine Öffnung in eine andere Welt sein. Es gibt sehr tiefe religiöse Komponisten wie Bach und Coltrane. Sakrale Musik begleitet den Übergang von dieser Welt in die nächste, aber auch die Menschen bei den wichtigsten Anlässen ihres Lebens (wie Geburt, Heirat und so weiter) und diese Symbolik fand ich immer sehr stark. Ich bin aber selbst nicht Teil einer religiösen Gemeinschaft. Ich glaube an wissenschaftliche Erklärungen über die Entstehung der Welt und ein Gott ist da nicht unbedingt notwendig. Trotzdem finde ich die Tiefen der menschlichen Psyche mysteriös und unfassbar.

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Eine Leidenschaft, die Sie u.a. mit dem Komponisten, Organisten und Kantor Andreas Behrendt immer wieder aufleben lassen. Was fasziniert Sie an der Symbiose aus Jazz, Orgel und geistlicher Vokalmusik?

Kalle Kalima: Musik als Brücke zwischen verschiedenen Stilen, verschiedenen Menschen, verschiedenen Hintergründen finde ich spannend. Dass Musiker unterschiedliche Hintergründe haben und trotzdem miteinander musizieren können, finde ich sehr reizvoll.

Sie haben neben der Musik auch Jura studiert wie Ihre Schwester und Ihr Stiefvater. Wie schwer war es, sich in einer Familie von Juristen für die Musik zu entscheiden?

Kalle Kalima: Auch meine Mutter und mein Vater sind Juristen. Am Anfang der Neunzigerjahre gab es kaum eine Perspektive für einen alternativen Jazz-Gitarristen in Finnland. Das hat mit Massenarbeitslosigkeit in dieser Zeit zu tun gehabt, und ich habe nach dem Abitur mit dem Jurastudium angefangen. Ich habe trotzdem die ganze Zeit weitergespielt, davon geträumt, Musiker zu werden. Ich wollte es wissen und habe im Jahr 1995 einen Platz an der Jazzabteilung der Sibelius Akademie bekommen und dann beides gleichzeitig studiert. Es war ein langer Weg, bis ich mich komplett für die Musik entschieden habe. Ein mühsamer Umweg ...

Was hat Ihnen das Jurastudium für Ihre Musik und Ihr Musikerleben gelehrt?

Kalle Kalima: Sehr vieles. Wissenschaftliches Arbeiten, Argumentation und Beherrschung großer Inhalte sind bei Jura wichtig und diese Fähigkeiten sind im ganzen Leben hilfreich. Es hilft auch zu verstehen, wie die Gesellschaft funktioniert. Juristen sind die Chirurgen unserer Gesellschaft. Es gibt aber auch einige gierige Juristen und ich wollte selbst keiner von denen werden.

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Unsere Ausgabe heißt JIMI mit der Assoziation JIMI Hendrix, für den Sie sich als Namenspatron entschieden haben. Was verbindet Sie mit Jimi Hendrix?

Kalle Kalima: Jimi ist mein Idol. Er hat die E-Gitarre revolutioniert und sie zum wichtigsten Instrument seiner Generation gemacht. Er zeigt für mich auch, dass gewisse Gradlinigkeit wichtig ist. Er kam immer schnell zum Punkt.

In London sind Jimi Hendrix und Georg Friedrich Händel musikalisch vereint. Sie sind sich natürlich nie begegnet, aber im Rahmen von Workshops und Konzerten „begegnen“ sie sich dort immer wieder. Mit welchem klassischen Komponisten würde Kalle Kalima eine Wohngemeinschaft „gründen“, wem wären Sie gerne begegnet und mit wem hätten Sie gerne zusammengearbeitet?

Kalle Kalima: Ich hätte sehr gern Johann Sebastian Bach kennengelernt. Ich habe darüber gelesen, wie er einmal in eine Nachbarstadt für zwei Wochen gefahren ist, um dort die neue Orgel zu inspizieren. Eine Rechnung vom Gasthof ist erhalten geblieben. Eine Menge Essen, Bier und Tabak etc. ist dort aufgeführt für ihn und seine Kollegen. Ich glaube, er hat sich nach der Arbeit gern entspannt und ist dann gern mal abgehangen. Da wäre ich gern dabei gewesen. Aber im Ernst, er ist für mich ein besonders großartiger Musiker, weil er einen Weg gefunden hat, die äußere Welt (das ganze Universum) und die innere Welt eines Menschen gleichzeitig zu zeigen. Seine mathematischen Strukturen zeigen für mich die unermesslichen Weiten des Universums, und gleichzeitig bringt er unsere Empfindungen als leidende, kleine Menschen an die Oberfläche. Auf diese Art habe ich das bei niemand anderem erfahren. Es wäre sicherlich interessant, in einer WG mit so einem Menschen zu leben. Wahrscheinlich hätte er für den Küchendienst wenig Zeit gehabt.

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Neben Ihrer regen Konzerttätigkeit unterrichten Sie seit Herbst 2017 an der Hochschule Luzern im Institut für Jazz und Volksmusik das Fach Jazz Gitarre. Was schätzen sie am Unterrichten? Was möchten Sie weitergeben, was ist Ihnen wichtig?

Kalle Kalima: Ich möchte gerne eine offene Haltung weitergeben. Die Haltung, dass in der Jazzmusik die Grenzen offen sind. Ich will aber auch weitergeben, dass es sich lohnt, eine Stilrichtung als Grundlage zu studieren. Beim Jazz ist es nach meiner Meinung Bebop. Bebop ist die Basis von Modern Jazz, und die Entwicklungen, die Charlie Parker angestoßen hat, sind eine fantastische Grundlage für Improvisation, egal in welchem Kontext. Bebop ist recht komplex zu beherrschen und es braucht einige Jahre, diese Richtung einigermaßen zu können, aber es macht auch großen Spaß. Interessanterweise hat Barockmusik viel mit Bebop gemeinsam. Das hat mir geholfen, als ich Barockmusik studiert habe.

Die Hochschule Luzern ist eine der führenden Einrichtungen im Bereich Volksmusik, die in der Schweiz eine lange Tradition hat und bis heute von großer Bedeutung ist. Die finnische und Schweizer Volksmusik weist trotz geografischer Entfernung bemerkenswerte Ähnlichkeiten auf, insbesondere in der Struktur, der Instrumentierung und der Funktion als Tanz- und Festmusik. Seit 2018 bietet Luzern als erste Schweizer Hochschule ein einzigartiges Bachelor-Studium in Musik mit Hauptfach Jodeln an.

Gibt es hier Berührungspunkte zwischen dem Finnen, der Kalevala Gesangstradition, dem Jazz und dem Jodeln?

Kalle Kalima: Ich habe viel mit dem Schweizer Sänger Andreas Schaerer gearbeitet, und er verbindet Jazzgesang mit Jodeln und Beat-Boxen und vielem anderen. Sicherlich gibt es da eine natürliche Verbindung zwischen Andreas und mir und es könnte mit diesen Traditionen zusammenhängen. Ich bin ein Fan von Volksmusik auf der ganzen Welt und habe eine besondere Affinität für westafrikanische Gitarrenmusik. Jede Tradition kann eine Quelle für Inspiration sein, aber diese Information muss verinnerlicht werden und dann zusammenschmelzen mit der Persönlichkeit des Künstlers. Es kann auch sehr kitschig sein, wenn Musiker oberflächlich Traditionen missbrauchen. Am Ende muss jeder Künstler doch etwas Eigenes finden und das ist das Schwierigste.

Sie haben für die Opera de Lyon und die Ruhrtriennale Musiktheaterstücke komponiert, im Kaukasischen Kreidekreis im Berliner Ensemble als Musiker mitgewirkt, waren mit dem Ensemble Resonanz und Charly Hübner und einer Séance zwischen Franz Schubert und Nick Cave auf Tournee, sind in den Jazzclubs und Konzertsälen der Welt zu Hause, viel gefragt und immer wieder mit dem Schweizer Jazzsänger Andreas Schaerer im Duo, Quartett und anderen Formationen unterwegs.  Ist da noch Platz für Träume, Ideen, Projekte, die noch offen sind? Was steht noch auf der Agenda von Kalle Kalima?

Kalle Kalima: Es ist tatsächlich sehr viel, was ich gemacht habe, und manchmal habe ich Angst, dass ich mich verzettele und nichts richtig gut mache. Es bleibt sicherlich eine Herausforderung, gute, frische Musik zu machen. Ich arbeite seit Jahren an einem Programm nur für E-Gitarre und nur für mich alleine. Ich glaube, es braucht noch lange, bevor es wirklich steht.

Es gibt immer Platz für Träume. Es gibt schwarze Löcher im Universum, die extreme tiefe Klangwellen erzeugen. Diese mit der E-Gitarre aufzufangen, wäre sicherlich fantastisch.