Wallis (CH)

Forum Wallis
XIX 2026 04.06. – 04.07.2026

Das schweizer Festival für Neue Musik Forum Wallis wird heuer 20: Ein Einblick in die bewegte und faszinierende Geschichte eines Neue Musik-Festivals abseits der grossen Musikzentren. Das Forum Wallis zieht dieses Jahr ins Goms, ein Hochtal im Quellgebiet der Rhone und dau- ert über mehrere Wochenenden verteilt vom 4. Juni bis zum 4. Juli 2026. Zu hören sind dort interdisziplinäre, kammermusikalische und experimentelle Formate und neue elektronische Musik Walliser, Schweizer und internationaler Provenienz:

Die akusmatische Reihe Ars Electronica Forum Wallis Selection Concerts am MEbU (Münster Earport) wird 2026 zum 11. Mal gehalten und stellt unter Simone Conforti in vier Konzerten Werke von 49 KomponistInnen aus aller Welt vor. Das Minguet Quartett spielt Morton Feld- mans legendäres, viereinhalbstündiges 2. Streichquartett, das längste der Musikgeschichte, und das Ensemble Nikel ein abendfüllendes Werk von Klaus Lang. Feinste Free-Jazz-Konstella- tionen wie Voutchkova/Strahl/Mengis/Pfammatter und dem Erb/Mayas/Läng Trio geben zwei Improvisationsabende. Und bei der 8stündigen Uraufführung aller vier Zyklen aus dem Lyrik- band In der Nahaufnahme verwildern wir von Rolf Hermann kriegt das Publikum im Verlaufe eines ganzen Tages einen vollständigen Lyrikband in Musik gesetzt zu hören.


Eine Auswahl der Forum Wallis-Highlights 2006-2025 (v.l.n.r.u.o.n.u.): Marienglas (Beat Gysin), Pendulum Choir (Cod.Act), Helikopterstreichquartett (Air Glaciers), Valentin Carron, Richard Jean, Porok Karpo, Arditti String Quartett, Brigitte Schildknecht, Peter und der Wolf (HEMU/Schulen Goms), Titus Engel

Zum ersten Mal in der Schweiz gastiert das Proyecto Piano Joven aus Sevilla, das Werke für Klavier und Live-Elektronik präsentiert, welche spanische KomponistInnen speziell für Kin- der und Jugendliche komponiert haben. Und auch in diesem Jahr gibt es eine Tournee des Oberwalliser Volksliederchores durch verschiedene Oberwalliser Dörfer mit alten und neuen Arrangements lokaler Volkslieder, welche an traditioneller Musik aus Bolivien gespiegelt wer- den. Was 2026 auffällt: Überlänge oder, je nach Sichtweise, Entschleunigung — augenfällig angesichts der ehrfurchtgebietenden Präsenz der umgebenden Natur.

Das Forum Wallis ist ein jährlich stattfindendes internationales Festival für Neue Musik in der Schweiz. Es steht unter der Leitung der IGNM-VS, der Walliser Ortsgruppe der Internationalen Gesellschaft für Neue Musik IGNM (ISCM). Es hat seit 2006 über 350 Uraufführungen mitpro- duziert und regelmässig die bekanntesten internationalen Ensembles für Neue Musik zu Gast gehabt, darunter Ensemble Modern, recherche, Arditti Quartet, UMS‘nJIP und Klangforum Wien. Damit stimuliert und prägt es die zeitgenössische Musikszene im schweizer Bergkanton seit 20 Jahren.


Das vollständige Festivalprogramm ist online auf forumwallis.ch zu finden.

Javier Hagen © Goms Tourismus

INTERVIEW
Kai Geiger sprach mit Javier Hagen, dem Künstlerischen Leiter des Forum Wallis.

20 Jahre Forum Wallis: Wie ist das Festival entstanden und was hat es seitdem bewirkt?

Javier Hagen: Das Forum Wallis entstand aus dem Verein Kleine Konzertreihe Oberwallis, der ab den 1980ern mit dem Aufbau eines allgemeinen Konzertlebens im Wallis wichtige Pionierarbeit geleistet hat. Das Wallis ist ein strukturschwacher Bergkanton, aus Mangel an Perspektiven ziehen Walliser Kulturschaffende meist weg. Hier setzt das Forum Wallis an und bietet ab 2006 der zeitgenössischen Musikszene im Wallis erstmals eine Plattform digne du nom an, um ihre Arbeiten vor Ort angemessen zu zeigen und an einer internationalen Szene zu spiegeln. 2011 wurde für das Forum Wallis die IGNM-VS gegründet, die Wal- liser Ortssektion der IGNM/ISCM, und damit das Festival auch strukturell an den internationalen Verband angebunden. Zudem war die IGNM-VS 2011-2025 im Vorstand der Schweizerischen Gesellschaft für Neue Musik, stand 2014-2025 der ISCM Switzerland als Präsident vor, der Schweizer Vertretung bei der ISCM, und war, ebenfalls über die Dauer von etwa 10 Jahren, in mehreren Arbeitsgruppen des ISCM-Weltverbands aktiv. Das kam der Vernetzungs-, Produktions- und Dokumentationsarbeit des Festivals zugute. 2006-2025 hat das Forum Wallis über 350 Uraufführungen mitproduziert, Werke von über 500 KomponistInnen (darunter >70 al- lein aus dem Wallis sowie weitere 80 aus der Schweiz) wurden bisher gespielt, über 100 einheimische KünslerInnen stellten ihre Werke aus, mehr als 200 verschiedene Ensembles und MusikerInnen (darunter >90 allein aus dem Wallis sowie weitere 80 aus der Schweiz) sind bisher am Forum Wallis aufgetreten. Das sind an sich stolze Zahlen, aber bei knapp 90‘000 Einwohnern, die im Oberwallis über mehrere Nebentäler verteilt leben und sich kulturell eher konservativ artikulieren, ist das Erreichte außergewöhnlich.

Akusmatische Musik am MEbU in Münster/Goms (v.l.n.r.u.o.n.u.): MEbU (Münster Earport), Javier Hagen, Panayiotis Kokoras, Workshop mit lokalen Schulen, Louise Rossiter, Simone Conforti am MEbU-Akusmonium während den Ars Electronica Forum Wallis Selection C

Was sind die heutigen Herausforderungen?

Javier Hagen: Zeit. Um Fördermittel möglichst an die MusikerInnen weiterzugeben, arbeiten wir in der Organisation ehrenamtlich. Vor 20 Jahren war das mit kurzen Dienstwegen allerorten ganz gut machbar. Mit der zunehmenden Bürokratisierung, Digitalisierung und der allgemeinen Professionalisierung des Musikorganisationsbetriebs haben sich die Aufwände bei gleichzeitig sinkenden Unterstützungen vervielfacht. Weiter: Das Forum Wallis produzierte zu seinen Anfangszeiten Neue Musik in sehr breiter und eklektischer Form (Amateur vs. Professionelle, lokal vs. international, niederschwellig vs. elitär). Heute wird es zunehmend in die elitäre und professionelle Ecke gedrängt: lokale Veranstalter programmieren mittlerweile auch Zeitgenössisches — was uns ja zu stimulieren gelungen ist — sie geben aber niederschwelligen und publikumswirksamen Produktionen naturgemäß den Vorzug. Gemäß unserem Auftrag decken wir dann, es geht ja um Pionierarbeit, den Restbereich ab: das heisst dann eher Hardcore. Die Folgen: Reibungen und Engpässe. Kurz (lacht): Le quotidien délirant. Wichtig bleibt: inhaltlich bewegen wir uns auf Augenhöhe mit den Qualitätsstandards der großen internationalen Festivals. Das wird von der lokalen Politik immerhin erkannt. Und unter KünstlerInnen, vom Publikum und den Medien nach wie vor sehr geschätzt.

Gibt/gab es so etwas wie ein roter Faden bei der Programmierung?

Javier Hagen: Das Forum Wallis steht seit 20 Jahren nur unter einem Motto: wir legen den Musikerinnen und Musikern nahe, nur das Beste, Interessanteste und für sie Inspirierendste mitzubringen und vorzustellen, was sie gerade im Repertoire haben. Das ist für unser Publikum hier auf dem Lande mit Abstand am überzeugendsten: klar, unmittelbar, authentisch.

Wenn sie über die Jahre zurückblicken, welches sind ihre Highlights der Festivalgeschichte?

Javier Hagen: In chronologischer Reihenfolge: Jean-Pierre Pellets Waldeinsamkeit mit dem Mondrian Ensemble am Eröffnungsabend des allerersten Festivals 2006 in Brig. Valentin Carrons Cicero-Graffitis im Briger Stockalperschloss. Mela Meierhans’ Musiktheater Tante Hänsi, welche Walliser Jodelchöre bis an die Berliner Festspiele brachte. Ma- rienglas von Beat Gysin, ein sinnlich-klaustrophobisches Hörtheater auf Das Schloss von Franz Kafka. Les Musiciens de Brème, eine Kinderoper von Wen Deqing zusammen mit dem NEC. Cod.Acts Pendulum Choir am Pfingstsonntag 2016 in der Leuker Stefanskirche. Dann die Programmschiene Integrations, welche so unterschiedliche Ensembles und MusikerInnen zum gemeinsamen Musizieren und Improvisieren zusammenbrachte wie das Klangforum Wien, recherche, UMS’nJIP, Ensemble Modern, zafraan, dissonArt, Taller Sonoro, Wolfgang Mitterer, Fabian Panisello u.v.m. Oder seit mehr als 10 Jahren die Ars Electronica Forum Wallis Selection Concerts mit neuer akusmatischer Musik aus aller Welt (s. Kasten). Ebensowenig dürfen die stillen und subtilen Performances von Richard Jean und Lukas Huber oder die dröhnend lauten Auftritte von Steamboat Switzerland und Frachter mit 800kg Subwoofers fehlen. Unter Jan Dobrzelewski gab es über mehrere Jahre wallisweite Kinder- und Schulprojekte mit dem Sinfonieorchester der HEMU, Leidenschaft pur. Oder die Tatsache, dass wir 2020 und 2021 während der Pandemie als einer der wenigen Festivals für Neue Musik in Europa die Festivals live halten konnten. Zum Aussetzen hat uns ironischerweise nicht das Virus, sondern die inflationäre Spieldichte von 2022 gebracht. Und zu guter Letzt natürlich: 2015 Karlheinz Stockhausens Helikopter- streichquartett mit den Ardittis, André Richard, Air Glaciers und TPC.

Javier Hagen © Goms Tourismus

Wieso gerade Stockhausens Heli- kopterstreichquartett?

Javier Hagen: Das war unser Gesellenstück. Die Strukturschwäche des Wallis habe ich oben erwähnt. Wir bringen hier Prozesse in Gang, die andernorts in der Schweiz bereits in den 1920ern etabliert worden sind. Zum Vergleich fanden nach der Gründung der ISCM 1922 die ersten ISCM World New Music Days in der Schweiz bereits 1926 unter Hermann Scherchen und Volkmar Andreae in Zürich statt, und 1929 in Genf unter Ernest Ansermet. Im Wallis fand das erste reine Festival für Neue Musik 2006 statt. Diesen Umstand, ein Entwicklungsrückstand von fast 100 Jahren, übersehen Kulturpolitik, Medien und selbst die Szene nur zu oft. So kriegten wir regelmäßig vorgehalten, nicht genug avancierte Programme zu veranstalten, weil wir lokalen Kräften bewusst viel Raum und ein Sprungbrett gewährten. Ein jeder Baum entspringt einem Samen — auch inmitten eines Waldes mit ausgewachsenen Bäumen. Es ist ja nicht so, dass wir nicht wüssten, was Avantgarde sein könnte. Die Aufgabe ist hier vor Ort in erster Linie einfach eine andere: Aufbau, nicht unbedingt Leistungsschau. So haben wir 2015 den Gegenbeweis geliefert: in Rekordzeit die bemerkenswerteste Performance eines der schwersten Stücke, das man sich vorstellen konnte — Stockhausens Helikopterstreichquartett. Und das mit den weltweit besten des Fachs: dem Arditti Quartett, das dieses initiiert und uraufgeführt hatte, André Richard, der Stockhausen bei diesem Stück assistiert und das Stück an den grossen Musikfestivals in Salzburg und Venedig geleitet hat, mit den vier Chefpiloten von Air Glaciers, der legendären Helikopter-Rettungs-fluggesellschaft aus Sion, und mit den Technikern des Schweizer Fernsehens (TPC), die mit Übertragungen aus Helikoptern u.a. für Ski- und Fahrradrennen bestens vertraut und langjährige Partner der Air Glaciers sind. De facto genügten eine Handvoll Anrufe und fünf Monate Anlauf, und dann fand gemäß Arditti und Richard die technisch wie musikalisch reibungsloseste Performance dieses Werks nicht in einer der großen Musikmetropolen, sondern im Wallis statt. Seitdem ist Ruhe im Karton, und wir wenden uns wieder der Aufbauarbeit zu.

Das Lineup des Forum Wallis 2026 (v.l.n.r.u.o.n.u.) Ensemble Nikel, UMS’nJIP, Minguet Quartett, Morton Feldman, Oberwalliser Volksliederchor, Antoine Läng, Biliana Vouchkova, Hans-Peter Pfammatter, Magda Mayas, Juan Arne, Christoph Erb, Rolf Hermann, Luis

Seit über 10 Jahren schreiben Sie mit der Ars Electronica Forum Wallis AEFW einen Call für akusmatische Werke aus (s. Kasten mit den Resultaten des 2026er-Calls). Wie muss man sich die Genese und Verbreitung von akusmatischer Musik vorstellen? Können Sie das anhand eines oder mehrerer Werke erläutern?

Javier Hagen: Der/die Komponist:in schreibt/programmiert/montiert das Stück und stellt für die Aufführung ein Mono-, Stereo- oder Mehrkanal-Audiofile her. Der Interpret richtet die Files für das Akusmonium (die Lautsprecherkonstellation vor Ort) ein und fährt dann das Stück live. Das heißt, er spielt nach bestimmten interpretatorischen Kriterien einen Live-Mix, der im Wechselspiel von Spielstätte/Raum und Instrument/Akusmonium die räumliche Dimension des Stückes betont. Lassen Sie mich dies anhand zweier Werke erklären: Neuronen von Louise Rossiter (GBR, AEFW20) und AI Phantasy von Panayiotis Kokoras (GRC, AEFW21). Neuronen ist vom Mensch als Industriepalast des Infografik-Pioniers Fritz Kahn inspiriert, einem der bedeutendsten Populärwissenschaftler des 20.Jh.. Geistreich übersetzt die britische Komponistin Fremdes, Imaginäres und Vertrautes in eine impulsiv gestikulierende Komposition, die uns vor die Frage stellt, was von uns übrig bleibt, wenn Reflexe unseren eigenen Körper so stark konditionieren.

Die Interpretation eines solch dynamischen Werkes verlangt Agilität am Mischpult, vermittelt aber dafür auch ein rauschhaftes Erlebnis, als würde man mit Überschall durch die Hirnwindungen flitzen. Ganz anders AI Phantasy des Griechen Kokoras, der für seine subtile timbrische Arbeit bekannt ist: Wie er Timbre-Gemeinsamkeiten von Klängen nutzt, um heterogenste Alltagsklänge musikalisch einzubinden und so überraschend neu und frisch erleben zu lassen, ist für mich wirklich einmalig. Bei der Wiedergabe eines solchen Werkes pflegen wir ein eher langsames, zartes, ja fast pastellfarbenes Abstufen zwischen den verschiedenen Ebenen. Musikalische Entscheidungen eben, und die werden an jedem Ort anders gefällt (schmunzelt). Was geschieht dann weiter mit diesen Stücken? Mit UMS’nJIP z.B. greifen wir das Repertoire der Ars Electronica Forum Wallis Selections auf und kontextualisieren dieses am MEbU (Münster Earport) im Rahmen unserer Ars Acusmatica-Reihe oder bei Schulworkshops neu, aber auch bei Gastspielen wie am Festival Me_ MMix in Palma de Mallorca in einem der bedeutendsten Museen für Moderne Kunst im Mittelmeerraum (Es Baluard). Über 10 abendfüllende Programme sind seit 2023 am MEbU entstanden, und es kommen laufend neue dazu. Ferner hat die akusmatische Szene in den vergangenen fünf Jahren ziemlich Aufwind bekommen: die Computer und Softwares sind leistungsfähiger geworden. Große Rechenleistungen sind mittler- weile nicht nur für Forschungsstätten erschwinglich, und die neuesten Technologien erlauben, komplexe Klangräume mit vergleichsweise einfachen Mitteln zu bauen: bspw. eine offene Anzahl Bluetooth-Lautsprecher ohne Kabelsalat mobil von einem Tablet aus zu steuern. Dies könnten sogar sämtliche über ein lokales Netzwerk verbundene Handylautsprecher eines Publikums sein, ein Lautsprecher-Meer sozusagen. Die Zukunft verspricht Vieles! Über den ganzen Globus verteilt existiert heute ein Akusmatik-Circuit, der akusmatische Musik nicht mehr nur in akademischen Kontexten rezi- piert, sondern auch konzertant darbietet. Die seit 1991 bestehende ka- nadische Plattform electropresence. com verschafft hierfür einen überaus sorgfältig aufbereiteten, weltweiten Überblick.

Das Gespräch führte Kai Geiger

Javier Hagen © Goms Tourismus

AEFW, quo vadis?

Javier Hagen: Da die IGNM-VS, die Ortsgruppe der Int. Gesellschaft für Neue Musik, welche das Forum Wallis organisiert, mit dem MEbU eine mehrjährige Partnerschaft eingegangen ist, können wir in den kommenden Jahren jederzeit auf ein qualitativ überdurchschnittlich gutes Instrument zurückgreifen. Das MEbU hat seit 2023 mit der Ars Acusmatica eine eigene Konzertreihe für akusmatische Musik im Goms aufgebaut und bietet über das ganze Jahr weitere Spielmöglichkeiten für akusmatische Musik an. So werden wir in den kommenden Jahren diese Aktivitäten verstärken und bedeutend mehr Werke spielen lassen können.

Das Gespräch führte Kai Geiger.