Im Wandel – wie die Bodensee Philharmonie neue Räume für Musik öffnet
Was ist ein Orchester heute?
Ist es ein Ort der Konzentration, ein Klangkörper im Konzertsaal – oder ein kultureller Akteur mitten in der Stadt? Die Bodensee Philharmonie stellt diese Frage nicht theoretisch, sondern konkret. Sie erschließt neue Räume, verlässt gewohnte Kontexte und bringt Musik dorthin, wo Menschen leben und sich begegnen.
Zwischen Konzertsaal und Stadtraum, zwischen Tradition und Experiment entsteht so ein Ensemble in Bewegung.
Bewährte Räume, neue Perspektiven
Der Konzertsaal bleibt das Fundament der künstlerischen Arbeit. Hier entfaltet sich die klangliche Bandbreite des Orchesters, hier stehen sinfonische Programme, Kammermusik und große Werke der Musikgeschichte im Mittelpunkt. Gleichzeitig erweitert die Philharmonie ihren Wirkungskreis: Aufführungen unter freiem Himmel, in ungewöhnlichen Architekturen oder an bislang musikfernen Orten eröffnen neue Perspektiven auf das Ensemble und seine Rolle in der Stadtgesellschaft. Musik wurde im Freibad und auf dem Bauernhof erlebbar, erklang unter einer Brücke gemeinsam mit Elektro-DJs oder an urbanen Schauplätzen. Solche Ansätze laden dazu ein, klassische Klänge ohne Schwellenangst zu entdecken – offen und mitten im Alltag.
Zukunftsmusik: Erproben, zuhören, weiterdenken
Wichtige Impulse für diese Entwicklung lieferte die Zukunftsmusik, ein zweijähriges Projekt von 2024/25 bis 2025/26, ermöglicht durch das Bundesförderprogramm Exzellente Orchesterlandschaft. Ziel war es, das Orchester enger mit der Stadtgesellschaft zu vernetzen und neue Formen der Begegnung zu erproben. In thematischen Wochen zu Klima & Nachhaltigkeit, Demokratie, Vielfalt und KI und in Kooperation mit städtischen Institutionen entstanden Konzerte, Workshops und Dialogangebote, die Musik bewusst in gesellschaftliche Zusammenhänge stellten. Weitere Schwerpunkte wie Wandel und Bewegung führen diese Perspektiven fort. Sämtliche Veranstaltungen waren kostenfrei zugänglich.
Mit dem Auslaufen der Förderung endet das Projekt – der Gedanke bleibt prägend. Die gewonnenen Erfahrungen fließen in Strukturen und Programmplanung ein. Kooperationen werden langfristig angelegt, Prozesse geöffnet und verstärkt niedrigschwellige Angebote entwickelt, die Austausch und Beteiligung ermöglichen. Ziel ist es, den Dialog mit den Menschen in Stadt und Region dauerhaft zu vertiefen.
Musikvermittlung als kontinuierlicher Prozess
Diese Entwicklung knüpft an eine gewachsene Tradition an. Mit eduART verfügt die Philharmonie über ein etabliertes Vermittlungsprogramm, das stetig weiterentwickelt wird – von Schulprojekten bis zu partizipativen Formaten. Neu hinzugekommen sind die Babykonzerte. In behutsam konzipierten Veranstaltungen erleben Babys und ihre Begleitpersonen Musik in ruhiger Atmosphäre, nah an den Musikerinnen und Musikern und sensibel abgestimmt auf ihre Wahrnehmung. Ein SWR-Beitrag dokumentierte eines dieser Konzerte und machte die Arbeit überregional sichtbar.
Experimentierfreude und Verantwortung
Auch Reihen wie die Xperiment-Konzerte erweitern das Profil – etwa mit Wassermusik im Wasserwerk oder veränderten Hörsituationen im Dunkeln und liegend. Im Mittelpunkt steht stets die Frage, wie Musik heute erfahrbar wird und welche Rolle sie für Gemeinschaft spielen kann. Dabei versteht sich die Philharmonie nicht nur als Klangkörper, sondern als aktiver Teil des kulturellen Lebens der Region – offen für Kooperationen und neue Impulse.
Ein Orchester in Bewegung
Der Wandel der Bodensee Philharmonie ist kein abgeschlossenes Vorhaben, sondern ein Prozess. Zwischen Überlieferung und Innovation entsteht das Bild eines Ensembles, das künstlerische Qualität mit gesellschaftlicher Offenheit verbindet. Musik bleibt der Kern – doch sie entfaltet ihre Wirkung heute in unterschiedlichen Formen: im großen Saal ebenso wie unter freiem Himmel und an Orten, wo man sie nicht erwartet.
INTERVIEW
Wir sprachen mit Andrea Hoever, Musikvermittlerin und Projektleiterin der Zukunftsmusik.
Die Bodensee Philharmonie wagt mit Zukunftsmusik neue Wege. Was steckt hinter diesem Projekt?
Andrea Hoever: Zukunftsmusik ist ein zweijähriges Projekt, das uns erlaubt, neue Formate zu erproben und mutige Experimente zu wagen. Unser Ziel ist es, das Orchester stärker für die Stadt zu öffnen und nicht nur unser klassisches Stammpublikum anzusprechen, sondern auch Menschen einzubeziehen, die bisher keinen Bezug zur Philharmonie hatten. Dafür wählen wir gezielt gesellschaftlich relevante Themen aus und entwickeln in Kooperation mit PartnerInnen innovative Konzepte. So entstehen neue Kontakte und Netzwerke, die langfristig die Bodensee Philharmonie und die Stadtgesellschaft enger verbinden. Gleichzeitig hinterfragen wir strukturelle Prozesse innerhalb des Orchesterbetriebs: Welche Veränderungen braucht es, um nachhaltige Zusammenarbeit mit der Stadt zu ermöglichen? Ich bin sehr froh, dass wir innerhalb der Bodensee Philharmonie auf so eine große Offenheit stoßen. Unser Chefdirigent Gabriel Venzago war bei der Ausarbeitungdes Projekts Zukunftsmusik von Anfang an sehr stark beteiligt und bringt nach wie vor stets frische Impulse in das Programm. Und mit Dr. Hans-Georg Hofmann haben wir einen Intendanten, dem die Bedeutung dieser neuen Wege für die klassische Musik ebenfalls bewusst ist und die interne Umstrukturierung tatkräftig vorantreibt. Wir ziehen hier alle an einem Strang und das ist fantastisch, denn ohne die interne Unterstützung, gerade auch durch das Orchester, wäre das Vor- haben Zukunftsmusik nicht umsetzbar.
Welche Ziele und Strategien ver- folgen Sie mit Zukunftsmusik und wo stehen Sie in einer ersten Bewertung nach einem halben Jahr und zwei Exzellenzwochen zu den Themen „Klima und Nachhaltigkeit“ und „Demokratie“?
Andrea Hoever: Die bisherigen Projektwochen zu Klima & Nachhaltigkeit sowie Demokratie waren ein voller Erfolg. Sie haben gezeigt, dass die Bodensee Philharmonie als Plattform für gesellschaftlichen Austausch sehr gut funktioniert. Es war inspirierend zu sehen, wie Musik dazu beitragen kann, drängende gesellschaftliche Themen greifbar zu machen und neue Perspektiven zu eröffnen. Neben neuen Konzertformaten ist ein zentraler Aspekt die notwendige Flexibilität innerhalb des Betriebs: Zusätzliche Formate benötigen neue organisatorische Modelle, die wir nun gezielt angehen. Die große Offenheit bei unseren PartnerInnen und im Publikum motiviert uns sehr, hier voranzukommen. Besonders beeindruckend war die positive Resonanz auf unser Upcylcing Xperiment Konzert auf dem Konstanzer Wertstoffhof mit der Solistin Vivi Vasileva im Rahmen von Klima & Nachhaltigkeit. An diesem außergewöhnlichen Konzertort haben die MusikerInnen und KooperationspartnerInnen Weggeworfenem neues Leben eingehaucht – die Menschen waren begeistert! Und auch die Veranstaltungen in unserer Demokratiewoche, bei der Musik und aktuelle gesellschaftliche Themen miteinander verbunden wurden, traf durchweg auf positive Resonanz. Hier haben wir zum Beispiel auch zusammen mit der Schlüsselmomente Escape Room GbR das Live-Spiel „Among Bodensee Philharmonie“ entwickelt, bei dem die Teilnehmenden unter Zeitdruck ein Konzert aufbauen müssen und zur Belohnung ein echtes Konzert bekommen. Dank der breiten Palette an kostenfreien Veranstaltungen konnten wir ganz neue Zielgruppen erreichen. Wir sind gespannt, wie die Vielfaltswoche im April angenommen wird, und haben Anmeldelinks eingerichtet, um den Andrang besser zu steuern.
Welche Rolle spielen solche Projekte für die Zukunftsfähigkeit von Orchestern?
Andrea Hoever: In Zeiten sinkender Zuschüsse und politischer Unsicherheiten sind Projekte wie Zukunftsmusik essenziell. Die deutsche Orchesterlandschaft muss sich darauf einstellen, neue Zielgruppen zu erschließen und sich aktiv in die Stadtgesellschaft einzubringen. Unsere Förderung durch das Programm Exzellente Orchesterlandschaft des Bundes bestätigt die Relevanz dieses Ansatzes. Gerade in einer Zeit, in der Kultur oft zur Disposition steht, müssen Orchester neue Wege finden, um ihre Bedeutung in der Gesellschaft zu unterstreichen.
Ein weiteres Ziel ist es, unsere Erkenntnisse mit anderen Orchestern zu teilen. Gemeinsam mit kulturgut – agentur für evaluation & resonanz evaluieren wir unseren Prozess und entwickeln eine Art „Schablone“ für diesen neuen Ansatz. Es geht nicht darum, das phil- harmonische Konzert zu ersetzen, sondern eine Balance zu finden, die klassische Musik für eine breitere Gesellschaft öffnet. So kann das Orchester sowohl als Bewahrer einer wertvollen Tradition als auch als aktiver Teil einer sich wandelnden Gesellschaft agieren.
Wird das Format Zukunftsmusik nach Ablauf der Förderung durch sich neu entwickelnde Kooperationen und Partnerschaften langfristig Bestand haben oder wird es, wie leider so oft, bei einer innovativen Idee mit begrenzter Laufzeit bleiben?
Andrea Hoever: Unser Ziel ist es, langfristige Strukturen in der Bodensee Philharmonie zu etablieren. Das Projekt soll kein einmaliges Experiment bleiben, sondern als Modell für die nachhaltige Verankerung eines offenen Orchesterbegriffs dienen. Schon jetzt arbeiten wir an Kooperationen, die über die Förderphase hinaus Bestand haben. Dazu gehört die enge Zusammenarbeit mit städtischen Einrichtungen, sozialen Initiativen und Kultur- institutionen, um dauerhaft neue Berührungspunkte mit Musik zu schaffen. Langfristig wollen wir erreichen, dass sich das Konzept von Zukunftsmusik fest in unseren Spielbetrieb integriert – wir evaluieren genau, welche Formate besonders gut beim Publikum ankamen und entwickeln diese weiter. Dabei bleibt die Frage zentral: Wie kann ein Orchester ein lebendiger, interaktiver Bestandteil des städtischen Lebens sein?
Was steht als Nächstes an?
Andrea Hoever: Besonders freuen wir uns auf die Vielfaltswoche im April und die In Kontakt Woche im Juni, die beide ein breites Spektrum an innovativen Formaten bieten. So haben wir bei der Vielfaltswoche beispielsweise mit Alles dreht sich um Vielfalt 1:1 Konzerte und Gespräche mit verschiedensten Akteuren aus der Stadt zum Thema in den Gondeln des Riesenrads, sowas hat es bisher sicher noch nirgends gegeben! Im KULA schaffen wir mit Nice to meet you – live einen interkulturellen Austausch mit Musik, bei dem sich Musiker:innen und Publikum näher kennenlernen und in spontanen Jamsessions begegnen. Und bei Unser Song – So klingt Konstanz entstehen in Community Music Workshops Melodi- en und Texte für einen Song über Konstanz.
Auch auf die In Kontakt Woche im Juni sind wir sehr gespannt! Die Ideen für die Konzerte kommen hierfür nämlich direkt von unseren Musiker:innen – und das ist ebenfalls komplettes Neuland in der Orchesterstruktur. Hier darf sich das Publikum auf Konzerte an ganz neuen Orten wie etwa im Freibad oder bei einem Wasserturm freuen. Zudem wird es ein Mitsingkonzert, ein meditatives Konzert und ein Konzert à la Bridgerton in Kooperation mit einem Konstanzer Elektro-DJ geben. Und für die Saison 2025/26 können sich unsere Zuhörer:innen auf weitere innovative Kooperationen freuen – vielleicht sogar mit eigenen Ideen und Vorschlägen als Teil von Zukunftsmusik. Wir laden alle ein, ihre Visionen mit uns zu teilen und gemeinsam zu gestalten. Denn genau das soll Zukunftsmusik sein: Ein Ort der Begegnung.
Das Gespräch führte Kai Geiger.
