HESSE Filmdreh in Zürich mit Graziella Rossi und Laura Lienhardt vor im Antiquariat Trösch

Wir haben mit Beat Toniolo gesprochen:


Was fasziniert Sie als Bildender Künstler an den heutigen visuellen, technischen und digitalen Möglichkeiten?

Beat Toniolo: Oh, das ist eher schwierig zu beantworten. (Denkt lange nach). Die Frage für mich stellt sich eher, ob es mich „fasziniert“ oder eher „beunruhigt“, der schnelle Fortschritt der Technik, bei der viel an persönlicher „Hand-Arbeit“ oder „Hand-Schrift“ verloren gehen kann. Für gewisse Bereiche, wie auch in der Recherche, übernimmt zum Beispiel ChatGPT die Rolle einer schnellen Abklärung, welche die Antwort-Richtung geben kann. Jedoch ist es wichtig, sich anderweitig zu vergewissern, ob das Resultat denn auch so stimmt. Die schnelle KI mit den Bild- oder Sprachgebungen wird bestimmt viele Aufgaben übernehmen, was zu „personellen Verlusten“ führen wird. Das stimmt mich eher kritisch. Wenn es sinnvoll eingesetzt wird, kann es auch eine Bereicherung geben. Aber was heißt schon „sinnvoll“, und wer gibt die „Normen“ an?

Fotos by MICHAEL KESSLER Aufnahmen im Tonstudio

Im Mai hatte Ihr Doku-Kurzfilm „Hans & Hermann“ über die Künstlerfreundschaft zwischen dem Schriftsteller Hermann Hesse und dem Künstler Hans Sturzenegger als Animations-Collage Premiere. Welche Tools kamen dort zum Einsatz?

Beat Toniolo: Die Idee war, wie bei meinem ersten Kurzfilm 2015 über den Wilchinger Mundartschriftsteller Albert Bächtold (www.albertbaechtold.ch), eine „künstlerische Mischform als Collage“ zu kreieren. Soll heißen: Reale Schauspielszenen an zwei Orten in Zürich, mit dem Team von Reto Troxler von module+ gedreht, werden mit der „Stop-Motion“ Technik und einer Handpuppen-Trickform mit dem Leipziger Künstler-Duo „HANS & FRANZ“ umgesetzt. Die ausgewählten international tätigen Musiker:innen kenne ich alle persönlich, schätze sie sehr und weiß um die Qualität ihrer Instrumenten-Künste, welche dann für die Szenen speziell eingesetzt wurden. Mit dem renommierten deutschen Schauspieler Michael Mendl verbindet mich seit über 15 Jahren eine Freundschaft, und ich konnte ihn für die Aufnahmen einiger HESSE-Gedichte gewinnen, was mich sehr freut. Die flüsternden Stimmen von acht Schüler:innen aus Zeitz runden die Sprache und das Timbre, auch für die jüngere Generation, somit wunderbar ab.

HESSE Filmdreh in Zürich mit Graziella Rossi und Laura Lienhardt vor im Antiquariat Trösch

Wie schaffen Sie es, Ihre künstlerische Handschrift über so unterschiedliche Medien wie Fotografie, Film, KI-Generierung, Immersive Installationen hinweg beizubehalten?

Beat Toniolo: Ob „meine“ künstlerische Handschrift so klar erkenntlich ist, weiß ich selbst nicht einzuschätzen, bin mir da nicht sicher bzw. ist dies für mich primär auch nicht das Wesentliche. Wenn mich ein Thema berührt, es mich auch länger beschäftigt, dass ich es nicht mehr einfach loslassen kann, dann fange ich an, die Möglichkeiten einer spezifischen Umsetzung anzudenken. Was aber  nicht heißt, dass es bei der Umsetzung dann auch so 100% als Resultat rauskommt, wie z.B. bei „Sturz & Hesse – Seiten einer Reise“. Da hatte ich sogar zwei Wechsel vorgenommen, zuerst wollte ich eine KI-Lösung mit Personen und Sprache machen, was mich dann aber mit dieser historischen Art und Weise  in meiner künstlerischen Umsetzung mit den Protagonist:innen nicht überzeugte. Dann habe ich mit einem Art-Design-Künstler begonnen, musste dann aber bald einige Probleme erkennen, die für eine Teamarbeit nicht fruchtbar waren. Die passende „Endlösung“ war dann das Leipziger Künstlerduo „HANS & FRANZ“, mit welchen ich schon bei den „MENDL-FESTSPIELEN“ in Zeitz zusammengearbeitet habe. Aber auch hier mussten einige Hürden genommen werden, jedoch hilft es einem, wenn man das Gegenüber schon ein bisschen kennt ...ßßßß

Rechechen Besuch mit Hendrik bei Volker Michels

Nach „Luther, Brecht & Frisch“, „Tell trifft Wagner“, jetzt „Hermann & Hans“ und in 2027 „Winkelried trifft Jeanne d’Arc“. Wie kommen Sie zu und auf diese Begegnungen und wem aus einer anderen Zeit würde Beat Toniolo gerne einmal begegnen?

Beat Toniolo: Was mich an der Kunst fasziniert, ist, dass man die Geschichte dank der Kunst „neu denken, umformen und anpassen“ kann, Ideen mit (irrealen) Möglichkeiten zu verbinden, welche  einen immer wieder überraschen kann, wenn die Neugierde, ohne die lästigen Erwartungen, um die Ecke rauscht: Was wäre wenn?! Das ist mein Impetus, der mich auch immer wieder wie eine Batterie auflädt.

Eines meiner Credos ist: „Geschichte ist nicht Vergangenheit, sie ist Gegenwart.“ Und das ist es, was mich an- und umtreibt: Neugierde mit Überraschungen zu wecken. Meine Begegnungen aus einer anderen Zeit? Da gäbe es viele, wie z.B. Frisch und Dürrenmatt, Picasso und Pollock, Giacometti und Segantini, Hans und Hermann ...