Sie feiern in diesem Jahr mit Ihrem frimfram collective Ihr 25-jähriges Sein und produzieren gerade das neue Album „Joo Kraus – Alchemy“ mit ihren langjährigen Musikerfreunden Joo Kraus, Ralf Schmid und Veit Hübner. Wie wichtig ist Ihnen Freundschaft und was ist das Geheimnis von erfolgreichen und harmonischen Musikerfreundschaften, in denen man immer mal auch um das gleiche Stück am Kuchen kämpft?
Torsten Krill: Freundschaft steht im Zentrum all meiner Projekte und Produktionen. Mit Ralf und Veit verbindet mich eine über dreißigjährige freundschaftliche Beziehung, aus der schon sehr viele gemeinsame Projekte entstanden sind. Mit Joo spielen wir drei auch schon seit 23 Jahren zusammen und unsere Verbundenheit ist ein großes Geschenk für mich. Die seit 25 Jahren andauernde Zusammenarbeit mit Jo Ambros (Gitarre), Carsten Netz (Holzblasinstrumente) und Uwe Lange (Bass) im frimfram collective hat sich ebenfalls zu einer wirklich vertrauensvollen Freundschaft entwickelt. Erst das über lange Jahre gewachsene Vertrauen und der gegenseitige Respekt machen die gemeinsame Arbeit zu einer sehr persönlichen und bewegenden Erfahrung für mich. Man kann sich einfach darauf verlassen, dass das Feedback ehrlich gemeint und niemals verletzend ist. Das ist kein Geheimnis, sondern etwas zutiefst Menschliches. Die Essenz.
Für wen oder was steht das frimfram, das mit Ihrem Namen einhergeht?
Torsten Krill: Im Jahr 2001 hat mich Nat King Coles Version des Jazzstandards „The Frim Fram Sauce“ zu diesem Namen inspiriert. Im Text geht es um die nur in der Fantasie existierende Frim-Fram-Soße mit allerhand erfundenen Zutaten, die angeblich das Dasein des Erzählers oder der Erzählerin bereichern könnte. Diese Geschichte fand ich witzig, inspirierend und irgendwie passend zu meiner Sicht auf das (musikalische) Leben, und so nannte ich sowohl mein Label als auch meine Band danach.
Sie haben zwei Jahre an der Frankfurter Musikwerkstatt studiert und anschließend fünf Jahre Ihre Ausbildung in Jazz- und Popularmusik an der Musikhochschule Stuttgart bei Pierre Favre und Manfred Kniel fortgesetzt. Ihr Instrument ist das Schlagzeug. Daneben sind Sie ein gefragter Produzent. Ihre Freunde bezeichnen Sie als genialen Tüftler und „Magier“, Sie selbst beschreiben Ihre Arbeit als „Musik der 4. Art ohne Brett vorm Hirn“. Wie kamen Sie dazu, was kann Torsten Krill, was die anderen nicht hinbekommen?
Torsten Krill: Es ehrt mich natürlich, dass meine Freunde so über mich sprechen, aber ich habe nichts weiter zu bieten als meine Sicht auf die Dinge, die sich aus meinen persönlichen Erfahrungen speist. Erfahrungen, die eine große Offenheit gegenüber allem Fremden und Neuem voraussetzt, eben ohne Brett vorm Hirn, menschlich wie musikalisch.
Als Schlagzeuger ist man ständig in der Situation, für das gesamte Klangbild eines Ensembles verantwortlich zu sein, was zumindest die dynamischen und formalen Abläufe betrifft. Das hat mir geholfen, bei der Musikproduktion im eigenen Tonstudio die Rolle eines Zuhörers einzunehmen, der während der Abmischung versucht, seine Klangvorstellungen des eingespielten musikalischen Materials umzusetzen, ohne dabei die kompositorische Grundidee zu verändern, sondern gemeinsam mit den Mitmusiker:innen zu ergänzen und präziser herauszuarbeiten.
Sie haben seit Geburt eine deutlich eingeschränkte Sehkraft. Trotzdem oder gerade deswegen haben sie so eine starke visuell-akustische Vorstellungskraft, mit der Sie Töne zu Geschichten machen, wie bei Ihrem urbanen Fantasy-Hörspiel „Das Leben der Lotta P.“, das im November 2024 Premiere feierte, oder in Ihrer Musik für das Tanzstück „Brainwalkers“ von Anna Chiara Goerig (Choreografie) und Paula Herzig (Dramaturgie), das beim Kemptener Tanzherbst im letzten Jahr Premiere feierte. Wie „visualisieren“ Sie Ihre Gedanken, wie entstehen die Tongebilde, Geschichten und Kompositionen?
Torsten Krill: Die Ideen entstehen aufgrund eines Anlasses, der von außen, aber auch von innen kommen kann. Das kann eine Anfrage für ein modernes Tanztheater wie Brainwalkers sein oder nur eine lose Sammlung von Gedanken und persönlichen Erlebnissen, die sich in einer künstlerischen Ausdrucksform wie der Musik oder dem Hörspiel manifestiert. Beim Textschreiben hilft mir die Vorstellung einer klar definierten Schlussszene, auf die ich hinarbeiten kann, und beim Komponieren z.B. ein inspirierendes Skript, wie das von Paula Herzig.
Eigentlich schreibe ich so gut wie nichts „einfach so“, weshalb ich immer irgendwelche Aufnahmetermine festlege und mir selbst Produktions-Deadlines setze, um Projekte dann auch wirklich umzusetzen. Ich gebe mir damit selbst einen Tritt, um kreativ und produktiv zu werden.
Beides entstand nach einer veritablen Lebenskrise, in dessen Verlauf Sie Ihr Studio aufgegeben haben und ein weiterer Schub ihre Sehkraft nochmals reduzierte. Wie haben Sie es geschafft, sich da rauszuziehen, sich neu zu justieren und so wunderbare Projekte daraus zu entwickeln?
Torsten Krill: Das Studio hatte ich bereits vorher, im Jahr 2021, aufgegeben, immerhin hatte ich es bis dahin 25 Jahre lang betrieben, also fast die Hälfte meines Lebens. Es war einfach Zeit, mich beruflich zu verändern.
2022 hat sich dann meine Sehfähigkeit plötzlich sehr schnell verschlechtert, und ich hatte sowohl beruflich als auch im Alltag sehr große Probleme. Das war existenzbedrohend und deprimierend.
Eine Augen-OP im Jahr 2023 konnte meine Sehfähigkeit aber zum Glück wieder etwas verbessern, sodass ich z.Z. wieder mit allem gut zurechtkomme. Die große Dankbarkeit, die ich für die zurückgewonnene Sehfähigkeit und für die verständnisvolle Unterstützung durch meine Familie und meinen Freundschaftskreis empfinde, drückt sich in einer hoffentlich gelasseneren Lebenseinstellung aus, aber auch in dem Drang, die geschenkte Zeit des Sehens mit kreativen Projekten aller Art zu füllen. Die Krise als Chance zu sehen, ist das Ziel, aber das ist natürlich viel leichter gesagt als getan.
Entstanden ist beides aus der Zusammenarbeit mit der Tänzerin, Schauspielerin und Theaterpädagogin Paula Herzig, die Sie bei Ihrer Arbeit an der Theaterakademie Stuttgart, wo Sie „Mikrofonsprechen“ unterrichten, kennengelernt haben. Wie kam es zu der Zusammenarbeit?
Torsten Krill: Fast das gesamte Ensemble des Hörspiels besteht aus ehemaligen Schüler:innen der TAS, der Theaterakademie Stuttgart, an der ich seit 2021 Schauspieler:innen, Sprecher:innen und Theaterpädagog:innen zusammen mit Lutz Magnus Schäfer, dem Leiter der Akademie, unterrichten darf.
Paula Herzig habe ich also im Unterricht als besonders vielseitiges Talent kennenlernen dürfen, und es war klar, dass wir irgendwann etwas zusammen machen würden. Das Hörspiel war der Anfang, dann hat sie mich gefragt, ob ich für „Brainwalkers“ die Musik schreiben und produzieren möchte, und schließlich haben wir im Sommer 2025 noch ein Tanzvideo gedreht, das uns beiden sehr viel Freude gemacht hat. Dafür habe ich einen Remix eines noch unveröffentlichten Lieds des frimfram collective produziert
Worum geht es in „Das Leben der Lotta P.“, und stimmt es, dass Sie an einer Fortsetzung arbeiten?
Torsten Krill: Es geht um das Leben einer Kunststudentin namens Lotta P. in Stuttgart und um ihre Hassliebe zur Schwabenmetropole, um ihre Selbstflucht in Fantasiewelten und ihre persönlichen Niederlagen und Krisen, um Freundschaft, Liebe, Humor und den Sinn und Unsinn des Lebens. In der Figur „Lotta P.“ und ihrer Geschichte steckt natürlich auch sehr viel Persönliches von mir. Die Erzählung über das Leben einer jungen Frau speist sich aber auch durch die Geschichten und Erlebnisse, die mir von unseren beiden erwachsenen Töchtern berichtet werden.
Im Februar habe ich bereits mit den Sprachaufnahmen für den zweiten und letzten Teil des Hörspiels begonnen, und viele weitere Termine stehen schon fest. Im August 2026 wird das frimfram collective auch hierfür wieder den Soundtrack einspielen.
Was fasziniert Sie am Hörspiel, dem gesprochenen Wort und der Interaktion mit Ihrer Musik? Schon 2012 haben Sie den dt. Hörbuchpreis „Hörkules“ für die Musik zu Simon Becketts Roman „Verwesung“ erhalten. Regie führte Lutz Magnus Schäfer, gelesen hat Johannes Steck.
Torsten Krill: Schon seit meiner frühen Kindheit höre ich sehr gern und oft Hörspiele, Hörbücher und inzwischen natürlich auch viele Podcasts. Mein Opa war Kriegsblinder, und als Kind hatte ich immer wieder kurze Hörspiele und Hörbücher für ihn gemacht oder zusammen mit ihm Hörbücher aus der Blindenhörbücherei angehört.
Es liegt nahe, dass das reine Hören für sehbehinderte Menschen wie mich eine extrem große Rolle spielt. Sehr inspirierend finde ich, dass die Visualisierung der Inhalte den Zuhörenden selbst überlassen bleibt. Das ist für mich das wirklich Faszinierende daran, eben das Kino im Kopf. Hörspiele regen die eigene Fantasie und Vorstellungskraft noch mehr an als Spielfilme. Für die musikalische Vertonung eines Skripts, einer Lesung oder einer Hörspielszene braucht man in erster Linie Empathiefähigkeit, um die inhaltlichen Vorgaben entsprechend voranzutreiben, zu unterstützen oder zu kontrastieren. Diese Fähigkeit geht in unserer Gesellschaft aber immer mehr verloren. Fehlende Empathiefähigkeit bereitet den Boden für den aufkommenden Faschismus, dem man entschieden entgegentreten muss. Die Menschen sollten mehr Hörspiele vertonen ...
Sie sind neben der Theaterakademie seit 2014 als Akademiedozent für Jazz, Popularmusik und Digitale Medien an der Landesmusikakademie Ochsenhausen tätig. Sie bieten dort unter anderm auch Kurse für Lehrende im Unterrichtsfach Musik an, einem Fach, das aufgrund des gravierenden Lehrkräftemangels an Schulen und Musikschulen stark rückläufig ist. Wie geht man damit um, auf einem sinkenden Schiff das Überleben zu predigen, woran liegt es, dass keiner mehr Lust auf Musikunterricht hat?
Torsten Krill: Ich sehe das weniger dramatisch. Das Problem ist nicht das Fach Musik selbst. Den Fehler im Bildungssystem muss man nicht bei den Lehrkräften und auch nicht bei den Schüler:innen suchen, sondern im allgemeinen Schulsystem, das dringend reformbedürftig ist und nicht mehr den Lebenswelten von Kindern und Jugendlichen in den unterschiedlichen Gesellschaftsschichten entspricht.
Die gezielte Förderung sozialer Kompetenzen müsste im Mittelpunkt einer solchen Reform stehen. Musik könnte dabei einen großen Beitrag leisten. Community Music, also niederschwellige, praxisbezogene Musikvermittlung, die es den Schüler:innen ermöglicht, Gemeinsamkeiten zu entdecken, sollte im Unterricht im Vordergrund stehen. Guter Musikunterricht braucht aber die passenden Rahmenbedingungen.
Alle sprechen von Digitalisierung als DEM Heilsbringer. Sie unterrichten sowohl „Digitale Musikproduktion für Einsteiger“, „Notenschreiben am Computer“ und „Digitale Medien im Musikunterricht“ – allesamt Vorgaben der Pädagogischen Hochschulen, die sich aktiv für die Neuausrichtung des Musikunterrichts einsetzen, um ihn an moderne gesellschaftliche und technologische Entwicklungen anzupassen. Mehr Wunschvorstellung als Realität?
Torsten Krill: Ja, aus meiner Sicht mehr Wunschvorstellung. In den Kursen geht es vorwiegend um die Stärkung der eigenen Medienkompetenzen der Lehrkräfte, um sich so besser mit den negativen wie positiven Seiten der Digitalisierung kritisch auseinandersetzen zu können. Doch dafür braucht es extrem viel Zeit, die den Lehrenden an allgemeinen Schulen kaum oder gar nicht zur Verfügung steht.
Das unflexible und völlig unterfinanzierte Bildungssystem hechelt der technischen Entwicklung ohnehin schon meilenweit hinterher. Die sogenannte künstliche Intelligenz ist im Bereich Musik Fluch und Segen zugleich und wird in nur wenigen Jahren die gesamte Musikbranche gravierend verändern, man muss diese Entwicklungen sehr kritisch begleiten.
Was ist aus Ihrer praktischen Sicht auf die Dinge zu tun, was läuft falsch?
Torsten Krill: Im Musikunterricht muss das gemeinsame Musikerlebnis im Mittelpunkt stehen. Damit meine ich nicht nur das Singen und Musizieren, sondern auch das gemeinsame Hören und Sprechen von und über Musik. Der Verzicht auf Benotung der „Leistung“ im Musikunterricht wäre sehr hilfreich. Jedem Kind ein Instrument zu geben, wäre ebenfalls ein wünschenswertes Ziel.
All diese Ideen gibt es schon so lang, doch die Bildungspolitik scheint nicht in der Lage zu sein, diese Ideen auch bundesweit Realität werden zu lassen und dafür ausreichend finanzielle Mittel zur Verfügung stellen zu können.
Bei der Digitalisierung sollte man nicht mehr von einem bloßen Innovationsgedanken getrieben sein. Zu oft fällt die Politik auf die Versprechungen der einflussreichen Lobby aus der Digitalwirtschaft herein, ohne wirklich ausreichend geprüft zu haben, welchen bildungspolitischen Mehrwert denn dieser Technologie-Hype überhaupt mit sich bringt.
Wir leben in einer bewegten und herausfordernden Zeit, der Sie wachsam, interessiert, engagiert und reflektiert begegnen und für sich Schlüsse und Entscheidungen treffen. Gestärkt durch die letzte Krise, nicht mehr alles machen zu müssen, das Nein zu lernen und ein großes Projekt der Leidenschaft anzugehen. Was ist da noch offen für Torsten Krill?
Torsten Krill: Offen ist das Ende. Und offen zu bleiben für menschliche Begegnungen und unterschiedliche Sichtweisen ist mir das Wichtigste. Ich möchte in einem nächsten Projekt gern die Arbeit von Menschen dokumentieren, die sich künstlerisch oder organisatorisch für den Erhalt eines vielfältigen kulturellen Lebens engagieren. Zum Glück habe ich inzwischen viele dieser Menschen kennenlernen dürfen und bin dafür sehr dankbar.
Durch die dokumentarische Arbeit erhoffe ich mir, noch mehr über diese Personen in Erfahrung zu bringen und sie noch besser kennenzulernen, um dann anderen Menschen von deren wertvoller Arbeit erzählen zu können.
Zudem hoffe ich, dass sich ein geplantes Hörspielprojekt mit dem Titel „Finger weg!“ für blinde und sehbehinderte Menschen realisieren lässt, dass sich mit dem Thema sexualisierte Gewalt an Kindern und Jugendlichen beschäftigt – eine Zusammenarbeit mit dem Präventionstheater „Mach was“ und der Schauspielerin Cleo Lewe, die auch im ersten und zweiten Teil von „Das Leben der Lotta P.“ die Rolle der Erzählerin spricht.
