Toniolo deckt auf

Toniolo deckt auf
Die grosse Kunst des kleinen Auftritts


Es gibt Bühnen, auf denen wird Grösse vor allem durch Quadratmeter definiert. Je höher die Scheinwerfer, je gewaltiger die Lautsprecher, je prominenter die Namen auf dem Plakat, desto bedeutender scheint das Ereignis. Und dann gibt es Orte wie das Trottentheater in Neuhausen am Rheinfall. Hier darf die Bühne klein sein, während die Welt, die auf ihr Platz findet, erstaunlich gross wird.

«Toniolo deckt auf» lebt von diesem reizvollen Widerspruch. Das Format ist eine Einladung, die Verhältnisse für einen Abend neu zu ordnen: Die Prominenz rückt näher, die Distanz zwischen Bühne und Zuschauerraum schrumpft, und aus dem medialen Abziehbild eines bekannten Menschen kann plötzlich wieder eine Persönlichkeit aus Fleisch und Blut werden. Was auf den grossen Bühnen und Bildschirmen oft hinter perfekter Beleuchtung, eingeübten Antworten und wohltemperierten Statements verschwindet, darf hier Ecken und Kanten zeigen.

Das Kleine ist dabei keineswegs ein Mangel, den man mit möglichst viel Aufwand kaschieren müsste. Es ist vielmehr die eigentliche Qualität. In einem überschaubaren Raum lässt sich weniger leicht verschwinden. Ein Blick, eine Pause, ein Zögern – all das bekommt Gewicht. Das Publikum sitzt nicht irgendwo im anonymen Dunkel einer Grossveranstaltung, sondern ist Teil einer gemeinsamen Situation. Man begegnet sich, statt bloss zuzuschauen. Und manchmal entsteht gerade dort, wo nichts nach Weltformat aussieht, ein Augenblick von Weltformat.

Dass sich in Neuhausen Persönlichkeiten aus Politik, Kunst, Kultur, Sport und Gesellschaft einfinden, gehört zum Konzept. Doch die entscheidende Frage lautet nicht allein, wer kommt. Sie lautet: Was geschieht, wenn diese Menschen da sind? Welche Geschichten werden erzählt, welche Gedanken freigelegt, welche Überraschungen zugelassen? Die offizielle Biografie kennt schliesslich jeder, der sich ein paar Minuten durch das Internet klickt. Interessanter ist der Mensch zwischen den Zeilen – jener, der sich nicht restlos in Schlagzeilen, Titeln und Erfolgsbilanzen unterbringen lässt.

Hier kommt Beat Toniolo ins Spiel. Er ist nicht einfach der Mann, der zwei Stühle auf eine Bühne stellt und Fragen stellt. Er ist Initiator, Impresario, Kulturvermittler und Gastgeber in Personalunion. Sein Format folgt nicht unbedingt der sterilen Logik einer durchgetakteten Fernsehsendung. Es setzt vielmehr auf Begegnung, auf Bewegung und auf die Möglichkeit, dass ein Abend eine Wendung nimmt, die zuvor niemand auf dem Zettel hatte. Gespräche, Musik, aktuelle Themen und überraschende Einlagen gehören zu dieser Mischung. Das Unvorhersehbare ist dabei nicht zwingend eine Störung des Programms. Es kann dessen eigentlicher Reiz sein.

Toniolos besondere Qualität liegt in der Bereitschaft, Menschen und Ideen zusammenzubringen, die sich im gewöhnlichen Kultur- und Medienbetrieb nicht unbedingt am selben Tisch wiederfinden würden. Dafür braucht es Neugier, Beharrlichkeit und ein gewisses Mass an Unerschrockenheit. Wer Gäste gewinnen, ein Publikum mobilisieren und einen Abend mit unterschiedlichen Temperamenten gestalten will, muss etwas wagen. Er muss Kontakte pflegen, Möglichkeiten erkennen und Gelegenheiten schaffen, wo andere vielleicht zunächst nur organisatorische Hürden sehen.

Gastgeber zu sein bedeutet in diesem Zusammenhang mehr, als freundlich zu begrüssen und am Ende höflich zu verabschieden. Ein guter Gastgeber schafft einen Rahmen, in dem andere zur Geltung kommen können. Er bringt Menschen zusammen, ohne jede Begegnung im Voraus festzulegen. Er darf selbst eine unverwechselbare Handschrift besitzen, sollte aber zugleich offenbleiben für das, was seine Gäste mitbringen. Gerade bei einem Format wie «Toniolo deckt auf» ist diese Balance entscheidend: Der Gastgeber muss präsent genug sein, um dem Abend eine Richtung zu geben, und zugleich beweglich genug, um den Gästen Raum zu lassen.

Beat Toniolo ist dabei selbst eine Figur mit Ecken, Energie und einem Hang zum Unkonventionellen. Er scheint sich nicht mit der blossen Wiederholung bewährter Kulturrezepte zufriedenzugeben. Lieber probiert er aus, verbindet unterschiedliche Disziplinen und nimmt in Kauf, dass ein Experiment nicht immer nach Schema F verläuft. Das kann Reibung erzeugen – und Reibung ist in der Kultur bekanntlich nicht immer das Gegenteil von Produktivität. Manchmal ist sie deren Voraussetzung. Wo nichts riskiert wird, bleibt schliesslich oft auch nichts in Erinnerung.

Natürlich ist die kleine Bühne kein romantischer Freipass. Nähe allein garantiert noch kein gutes Gespräch, und ein prominenter Name ist noch keine dramaturgische Offenbarung. Auch ein experimentelles Format muss sich daran messen lassen, ob es seinem Publikum etwas bietet: einen neuen Gedanken, einen unerwarteten Einblick, einen Moment der Heiterkeit oder schlicht das Vergnügen, Menschen einmal anders zu erleben. Gerade darin liegt jedoch die Chance solcher Veranstaltungen. Sie müssen nicht die grosse Medienmaschine imitieren. Sie dürfen ihre eigenen Regeln entwickeln.

Vielleicht ist das überhaupt die schönste Pointe an «Toniolo deckt auf»: Das Format macht deutlich, dass Kultur nicht erst dort beginnt, wo sie von Tausenden konsumiert wird. Sie beginnt dort, wo jemand eine Idee hat, andere dafür begeistert und einen Raum öffnet, in dem etwas geschehen kann. Ein kleines Theater wird so zum gesellschaftlichen Treffpunkt, eine Talkshow zum Experimentierfeld und ein Abend im lokalen Kulturleben zu einer Begegnung mit einer überraschend grossen Welt.

Am Ende bleibt deshalb weniger die Frage, ob Neuhausen mit den grossen Bühnen mithalten kann. Die interessantere Frage ist, weshalb es das überhaupt sollte. Die Stärke eines kleinen Formats besteht gerade darin, nicht alles sein zu müssen. Es kann näher, unmittelbarer und eigenwilliger sein. Es kann Menschen zeigen, statt bloss Namen zu präsentieren. Und es kann einem Gastgeber erlauben, seine vielleicht wichtigste Fähigkeit unter Beweis zu stellen: nicht einfach Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, sondern Aufmerksamkeit für andere zu erzeugen.

Darin liegt die eigentliche Kunst des kleinen Auftritts. Und darin liegt, bei allen Überraschungen, die «Toniolo deckt auf» bereithält, auch das Versprechen von Beat Toniolo als Gastgeber: dass aus einer überschaubaren Bühne ein Ort werden kann, an dem die Welt für ein paar Stunden ein wenig näher zusammenrückt.