Im Jahr 2000 begründete Wolfgang Rihm zusammen mit Dr. Friedrich Georg Hoepfner das Wolfgang-Rihm-Stipendium, worüber wir mit Dr. Friedrich Georg Hoepfner sprachen:

Wie kamen Sie zur Neuen Musik und was fasziniert Sie an ihr?

Dr. Friedrich Georg Hoepfner: Mein Entschluss, mich für zeitgenössische Musik zu engagieren, hat im Wesentlichen zwei Gründe. Zum einen habe ich immer wieder in Künstlerbiografien gelesen, dass zeitgenössische Kunst oft nicht die verdiente Anerkennung erfährt. Viele Maler, Komponisten und sogar Schriftsteller sind erst nach ihrem Tod bekannt und anerkannt worden. Das ist eigentlich schade und deutet auf eine Wahrnehmungssperre der lebenden Zeitgenossen hin, die sich offenbar lieber aus der Vergangenheit inspirieren lassen, statt den Themen der eigenen Zeit in die Augen zu sehen.

Zum anderen habe ich Komponisten und Interpreten kennengelernt, die sich mit zeitgenössischer Musik beschäftigen und gespürt, dass ein Engagement für diese Menschen notwendig und wertvoll ist.

Nachtklänge Stipendiatenkonzert Schlagzeuger

Wie haben Sie Wolfgang Rihm kennengelernt und wie entstand aus der Begegnung die Idee für ein Wolfgang-Rihm Stipendium?

Dr. Friedrich Georg Hoepfner: Wolfgang Rihm kannte ich noch als Schüler, er war im humanistischen Bismarck-Gymnasium in Karlsruhe einige Klassen unter mir. Näheren Kontakt hatten wir aber eigentlich erst viel später und so konnte ich ihn 1998 fragen, ob er zum 200-jährigen Jubiläum meiner Firma ein Stück komponieren möchte. Es sollte von unserem gemeinsamen Freund, dem Trompeter Reinhold Friedrich, gespielt und von dem engagierten Dirigenten Kazushi Ono, mit dem ich ebenfalls befreundet bin, aufgeführt werden. Das ursprünglich vorgesehene Leitmotiv, gebildet aus meinen Initialen F-G-H, fiel einer Überarbeitung zum Opfer und so entstand in opulenter Orchestrierung ein typisches Werk von Wolfgang Rihm, dem die grausame antike Sage von Marsyas zugrunde lag und das die großen Fähigkeiten des Startrompeters Reinhold Friedrich herausfordernd auf die Probe stellte.

Da wir die Vorliebe für genussvolles Essen und Trinken teilten, fiel es uns nicht schwer, Termine für weitere Besprechungen zu finden. Auf Wolfgangs Vorschlag hin, beschlossen wir, sein Uraufführungs-Honorar zu streichen und daraus den Grundstock eines von uns finanzierten Stipendienfonds für junge Komponisten aufzulegen. Wolfgang würde jährlich jemanden für das Stipendium vorschlagen.

Was sind die Rahmenbedingungen des Wolfang-Rihm-Stipendiums?

Dr. Friedrich Georg Hoepfner: Seit dem Jahr 2000 wurde das Stipendium 26 Mal vergeben. Der beigefügten Liste kann man entnehmen, dass viele Preisträger, die damals vor ihrem Studienabschluss standen, inzwischen international Karriere gemacht haben.

Nach Wolfgangs Tod habe ich mich entschlossen, das Stipendium weiterzuführen. Im ersten Schritt wurde eine Jury gesucht, deren Mitglieder sich durch internationales Renommee einerseits und eine persönliche Beziehung zu Wolfgang Rihm andererseits

Nachtklänge Stipendiatenkonzert Schlagzeuger

Was soll der Preis bewirken und die jungen Musiker:innen wobei unterstützen?

Dr. Friedrich Georg Hoepfner: In den vielen Jahren unserer Zusammenarbeit hat Wolfgang sich immer mal wieder bei mir beklagt, dass die zeitgenössische Musik zu wenig Widerhall in der zeitgenössischen Gesellschaft findet, dass sie oft isoliert ist und dass viele neue Kompositionen nur ein einziges Mal aufgeführt werden, weil die Veranstalter nach Uraufführungen dürsten und immer wieder Kompositionsaufträge für neue Werke vergeben. Eines der Ziele unseres Stipendiums ist es, dieser Tendenz entgegenzuwirken. Wir wollen dazu einerseits Aufführungen an „anderen“ Orten ermöglichen, eben dort, wo das Publikum hinkommt und wo man nicht auf ein paar Insider beschränkt ist. Andererseits wollen wir den Kommunikationsbedingungen des Medienzeitalters gerecht werden und neben der Live-Aufführung auch die Verbreitung der Werke der jungen Komponisten speziell in den neuen Medien bewirken und unterstützen. Uns ist bewusst, dass unsere Anstrengung in dieser Richtung ja eher einen Tropfen auf einen heißen Stein darstellen wird als eine Monsterwelle, aber dennoch glauben wir, dass jeder Schritt in diese Richtung uns auf dem Weg voranbringen wird. Um die damit verbundenen hohen Kosten abzudecken und den traditionellen Konzertbetrieb wirkungsvoll durch die Einbindung der neuen Medien zu ergänzen, suchen wir derzeit weitere Unterstützung. Wir sind guter Hoffnung, dass es uns gelingen wird, einen großen Sponsor für dieses Projekt zu begeistern.

Wenn es uns gelingt, mit diesen Maßnahmen dazu beizutragen, dass die Neue Musik ein breiteres Publikum findet, dann werden auch zusätzliche Aufführungen möglich. So ergänzen sich der Wunsch nach mehr Multimedia und der Wunsch nach mehr Livemusik.

Welche Aspekte und Tools im Bereich Multimedia werden bevorzugt eingesetzt und wie unterstützen Sie die Umsetzung?

Dr. Friedrich Georg Hoepfner: Wir denken dabei insbesondere an das Video als Aufnahmemedium und Fernsehen, Mediatheken und Internet – Plattformen als Verbreitungswege. In einem späteren Schritt soll auch geprüft werden, inwieweit die Verbreitung im Internet interaktiv eingesetzt werden kann, um so eine „Begegnung“ zwischen Musikern, Komponisten und interessierten Zuhörern zu ermöglichen.

So sehr diese Gedanken auch plausibel klingen mögen, so kompliziert ist es, sie in der Praxis umzusetzen. Deshalb bedarf es hier des Engagements von Menschen, die nicht unbedingt aus der Musikszene kommen und daher von deren Gewohnheiten, Tabus und Präferenzen nicht an der Umsetzung in der Praxis gehindert werden.

Nachtklänge Stipendiatenkonzert Mizuo Lu und Miho Uchida am Flügel

Sie sprechen in dem Zusammenhang vom Web als Treffpunkt für Neue Musik. Was meinen Sie damit?

Dr. Friedrich Georg Hoepfner: Wie so häufig im Leben wird die Entfremdung zwischen zwei Szenen – hier der Musik und der zeitgenössischen Gesellschaft – auch durch bestimmte Verhaltensweisen und Vorurteile von beiden Seiten unterstützt. Wir werden in diesem Zusammenhang jedenfalls dafür plädieren, den Zuhörer weder pädagogisch belehrend oder fordernd gegenüberzutreten, sondern ihm ganz im Sinne unseres Namenspaten Wolfgang Rihm den Genuss beim Zuhören, das Schwelgen in der Vielfalt und die Neugierde auf interessante neue Kompositionen und Kombinationen zu erleichtern.

So wird Neue Musik zu einer Bereicherung unseres Lebens!

Im Juli 2024 verstarb Wolfgang Rihm an einem Krebsleiden. Was gab Wolfgang Rihm dem Preis und Ihnen als Freund und Stifter mit auf den Weg? Was hat sich seitdem verändert?

Dr. Friedrich Georg Hoepfner: Die Freude an der Musik. Daran hat sich nichts geändert.

Wolfgang Rihms Werke standen und stehen weiterhin auf dem Programm namhafter Orchester und Festivals. Doch die meisten Stücke der neuen Musik verschwinden nach der Uraufführung in Archiven und dort bleiben diese „unter Verschluss“. Quo vadis Neue Musik? Stiften Sie für die Konserve? Wie sehen Sie die Zukunft der Neuen Musik und Ihren Beitrag daran?

Dr. Friedrich Georg Hoepfner: Unser Projekt ist darauf angelegt, eine mögliche Lösung für dieses Problem zu erarbeiten. Die kann einerseits in der Aufführungspraxis liegen und andererseits im Einsatz von Multimedia-Elementen.

Caio de Azevedo und Friedrich Hoepfner unterzeichnen Stipendienvertrag der Stiftung

Der in Brasilien geborene Komponist Caio de Azevedo ist der diesjährige Stipendiat, der von der Fachjury ausgewählt wurde. Was sind die Bewertungskriterien und was hat die Jury an seiner Arbeit begeistert und überzeugt?

Dr. Friedrich Georg Hoepfner: Für das Stipendium 2026 konnten alle deutschen Musikhochschulen Kandidaten vorschlagen. Die Jury hat sich für Caio de Azevedo entschieden, weil dieser brasilianisch-stämmige Musiker trotz seines jungen Alters schon sehr komplexe und komplette Werke geschaffen hat. Die Vorsitzende der Jury, Prof. Rebecca Saunders drückt das so aus:

„Die Musik von Caio de Azevedo überzeugt durch Ideen- und Farbenreichtum, durch eine komplexe Struktur, durch Transparenz und Präzision. Seine Partituren zeichnen sich durch eine unmittelbare poetische Strahlkraft aus. Sein technisches Niveau ist beträchtlich.“

Er ist damit der 26. Stipendiat seit Beginn des Stipendiums im Jahr 2000. Gibt es eine Art Alumni der Preisträger:innen? Wie verfolgen Sie deren Werdegang und wie sind Sie mit den bisherigen Preisträger:innen verbunden?

Dr. Friedrich Georg Hoepfner: Wir haben keine offizielle Alumni-Organisation, freuen uns aber über den Kontakt zu unseren Ehemaligen. Zwei von ihnen sind ja auch Mitglied der jetzigen Jury. Mit Freude sehen wir, dass viele frühere Preisträger sich international durchgesetzt und damit in gewisser Weise nachträglich die Preisvergabe an sie gerechtfertigt haben. In einigen Fällen haben wir ehemalige Stipendiaten auch nach Ablauf ihrer Zeit weiter gefördert und damit gute Erfahrungen gemacht. Aber leider sind auch unsere Budgets beschränkt …