Pierre Bertrand © Alexandre Lacombe

INTERVIEW
Wir sprachen mit Pierre Bertrand

Beim diesjährigen Festival und auf der Sommertour präsentieren Sie Ihr neues Programm „PEACE“. Wie sind Sie an das Thema Frieden kompositorisch herangegangen, wie haben Sie das Programm zusammengestellt?

„PEACE“ besteht aus Kompositionen und Arrangements lateinamerikanischer Lieder sowie aus Neufassungen klassischer Musik für Big-Band-Jazz. Diese Stücke werden zurzeit von unseren ausgewählten jungen Musiker:innen geschrieben, die dieses Jahr im CLASSICAL BEAT Orchester spielen. Als Vorgabe habe ich ihnen Stichworte an die Hand gegeben, die sie bei ihren Kompositionen berücksichtigen und in Musik transferieren sollen. Diese sind „Frieden“, „Entdeckung“, „Reise“, „Sommer“, „festlich“ und „lateinamerikanische Musik“. Jeden Montag treffen wir uns zu einem Zoom-Meeting, wo wir uns austauschen, ich Hilfestellungen gebe und wir gemeinsam am Gesamtwerk „PEACE“ arbeiten. Spannend dabei ist, die gewollte Unterschiedlichkeit der Einzelstücke zu einem Stück zusammenzubringen. Jede Komposition hat die Aufgabe und Herausforderung, einen bestimmten Rhythmus der lateinamerikanischen Musik zu erfassen und damit musikalisch auf eine Reise zu gehen und sich dem Festivalmotto „Leinen los nach Lateinamerika“ zu stellen. Auf Reisen lernt man sich und andere Menschen kennen, entdeckt Neues und lernt, was einen selbst und den jeweils anderen bereichert.

Wie klingt Frieden?

Niemand weiß, wie Frieden klingt. Es wäre vermessen, eine Definition in den Raum zu stellen, weil jeder Mensch Frieden anders sieht und empfindet. Es geht mir auch nicht darum, „friedliche“ Musik zu komponieren. Sondern ich möchte mit der Musik Teilhabe und Freude fördern, die Menschen über alle Grenzen hinweg vereint und glücklich machen.

Was ist die Kraft der Musik, wie wichtig ist die Musik, Kultur allgemein, für die Befriedung in der Welt?

Musik hat aus meiner Sicht viel mehr Kraft und auch „Macht“, als wir uns das vorstellen können. Musik hat seit jeher unser Leben gestaltet und uns auf die eine oder andere Art beeinflusst. Schon in der Geschichte der alten Griechen war Musik Teil der Mathematik, ein Fach, das den Geist und die Gedanken schulte. Es gibt in der Wissenschaft und der Literatur verschiedenste Hinweise, dass bestimmte Rhythmen, Modi und Harmonien Auswirkungen auf das menschliche Handeln, die Haltung haben. Oder die Tatsachen, dass frühmusikalische Erziehung die Entwicklung von Kindern fördert, dass heiße Beats Menschen zu Höchstleistungen antreiben, dass bestimmte Melodien Unruhezustände auflösen oder dass Musik bei der Behandlung von Rückenschmerzen eingesetzt wird, zeigen, wie wirkungsvoll Mu- sik ist. Musik ist überall! Und wenn wir uns von ihr bewegen lassen, in Bewegung sind, ist schon viel erreicht. Dass Musik auf der ganzen Welt über alle Grenzen sowie politischen, gesellschaftlichen und religiösen Unterschiede hinweg Musiker:innen spontan zum gemeinsamen Spiel zusammenbringt, ist für mich ein wunderbares Symbol des Friedens und Ausdruck der universellen Kraft der Musik.

Sie kommen aus dem multikulturellen Land Frankreich, das von Einwanderung geprägt ist. Das hat immer auch zu ge- sellschaftlichen Konflikten geführt und war eines der beherrschenden Themen im jüngsten Präsidentschaftswahlkampf. Was setzen Sie der Kritik und den Treiber:innen fremdenfeindlicher Tendenzen als Mensch Pierre Bertrand und mit Ihrer Arbeit, Ihrer Musik entgegen?

Ich glaube, dass viele Franzosen den Glauben an die Politik verloren, sich von ihr abgewendet haben oder sich von demagogischen und populistischen Reden und Parteien haben einfangen lassen. Das hat zu der Situation geführt, in der wir uns in Frankreich nun befinden. Wir Franzosen müssen zurück in unserer Geschichte, zu unseren Werten: Frankreich hat 1789 die Menschen- und Bürgerrechtserklärung erfunden. Frankreich steht für „La Révolution“, für das Kämpfen und Aufstehen. Darauf müssen wir uns besinnen und nicht den Kopf in den Sand stecken. Auf die Musik übertragen könnte man die Situation wie folgt beschreiben: Vor hunderten von Jahren nannte man es Dissonanzen, die im Laufe der Zeit in „fremde Noten“ übergingen und von denen man heute als Aufbruch und Erweiterung spricht. Musik kann uns definitiv einen Weg zeigen. Ich lasse mich von ihr leiten und werde auch in diesem Jahr mit vielen jungen und etablierten Musiker:innen beim CLASSICAL BEAT Festival die Musik, die Gemeinschaft, den Frieden und das Leben feiern.

Das Gespräch führte Kai Geiger.