Bernd Ruf © Jürgen Adamek

INTERVIEW
Wir sprachen mit Bernd Ruf

„Beethoven wird taub. Aus Verzweiflung stellt er sich die Frage: Leben oder Tod? Es ist sein Glaube an die Kunst, sein Glaube an die Kraft seiner Musik, die Welt menschlicher zu machen, die ihn am Leben hält.“ Wie kamen Sie auf das Heiligenstädter Testament von Beethoven und eine Auseinandersetzung damit?

Warum komponiert ein Mensch? Was ist die Motivation für seine Kreativität? Steht Kunst für sich oder kann sie nicht ohne einen gesellschaftlichen Kontext entstehen und existieren? Das sind Fragen, die mich seit langem beschäftigen und auf die Beethoven eine eigene, seine Antworten fand. Beethoven war in jeder Hinsicht eine extreme Persönlichkeit. Mit seinen Kompositionen verband er immer auch einen gesellschaftlichen Anspruch. Und sich vorzustellen, dass Beethoven seine großen Werke in Taubheit komponierte und diese für ihn nur in seiner inneren Vorstellung hörbar waren, bleibt für mich ein Mysterium.

Anmerkung der Redaktion: Aus der Beschäftigung entstand der Musikfilm „Tosende Stille – Beethoven: Heiligenstädter Testament“, der seit Anfang des Jahres auch auf YouTube anzuschauen ist.
https://www.youtube.com/watch?v=ayTudEcprsY

Ludwig van Beethovens Brief an seine Brüder Kaspar Karl und Johann vom Oktober 1802 diente Ihnen als Literaturvorlage. Wie sind Sie an das Werk herangegangen, wie sind das Buch und die Regie zum Film entstanden und wann und wie besetzten Sie die einzelnen Parts?

Den Text ließ ich erst einige Wochen wirken. Ich beschäftigte mich, ausgehend vom Jahr 1802, mit Beethovens in dieser Zeit entstandenen Kompositionen, mit seiner Gesundheit und seinen Lebensumständen. Dann suchte ich nach Brücken zu anderen Stationen seines Lebens. Musikalisch stand von Beginn an fest, dass sich Beethovens Originalmusik und Improvisationen als Ausdruck heutiger Lesart, traditionelle Instrumente und poptypisches Studioequipment begegnen werden. Seit etwa 35 Jah- ren musiziere ich intensiv im Bereich Classical Crossover. Deshalb ist eine Genre-Gegenüberstellung für mich nicht mehr interessant. Ich suche nach inhaltlichen Sujets und Themen, die sich in ihrer Umsetzung auf selbstverständliche Art und Weise der dafür notwendigen Stilistiken bedienen, egal, ob Klassik, Hiphop, Jazz, Pop oder freie Improvisation. Und deshalb arbeite ich am liebsten mit Musiker:innen, die selbst diese stilistische Breite leben.

In der Besetzungsliste des Films finden sich langjährige Weggefährten wie der Jazzprofessor Bernd Konrad aus Konstanz, das Sirius Quartet aus New York mit Gregor Huebner, mit dem Sie bereits bei Tango Five zusammengespielt haben. Aber auch die junge Generation mit Ihrem Sohn Ilja und dem Rapper Danny Fresh, die auch Stücke zum Film komponiert haben. Ein weiteres Element ist der Tanz mit der Tänzerin Rebeca Boden. Wie hat sich das Team gefunden, wie und wo ist der Film entstanden?

Nachdem das Buch und die musikalische Konzeption feststanden, habe ich das Team in das Waldzimmer nach Lübeck eingeladen. Das ist ein faszinierender Veranstaltungs- und Begegnungsraum am Rand des Stadtwalds, in dem wir für vier Wochen ein Filmstudio einrichten konnten. Der Inhaber, Florian Galow, der auch als Kontrabassist im Projekt mitwirkt, teilt mit mir die Schwarzwälder Herkunft und die Liebe zum Wald. Im Waldzimmer habe ich auch die Holzarbeiten der Lübecker Künstlerin Bettina Thierig kennengelernt. Als ich die „Büste mit großer Kugel aus Eichenholz“ sah, war für mich sofort klar. Das ist Beethoven, der seine Taubheit bildlich in Form eines großen Tumors mit sich trägt.

Auf der Sommertour des CLASSICAL BEAT Festivals zeigen Sie Ihr Werk „Tosende Stille: Das Heiligenstädter Testament von Beethoven“ live in drei Kirchenkonzerten in Hamburg (12.8.), Lübeck (13.8.) und Plön (14.8.). Welches Format erwartet da die Zuschauer?

Ich war immer schon an Interdisziplinarität interessiert, sei es bezogen auf musikalische Stilistiken, auf unterschiedliche Künste oder unterschiedliche Formate. Die Begegnung zweier oder mehrerer Dinge steht für mich im Zentrum des kreativen Erforschens. Nichts kann für sich alleine stehen. Nichts entsteht ohne Kontext. Deshalb halte ich Purismus für eine große Illusion. In unseren Aufführungen werden wir Livemusizieren mit Video- und Audioeinspielungen, akustische und elektronische Musik kombinieren. Es wird ein ganz besonderes Erlebnis werden.

Das Gespräch führte Kai Geiger